Viable World: Zusammenleben im Gemeinsamen Haus der Erde

von Jürgen Scheffran und Eberhard Schürmann

Dieser im Augustheft von Blickpunkt Zukunft veröffentlichte Beitrag ist dem Hamburger Physiker Gerhard Knies (10. Juli 1937 – 11.Dezember 2017) gewidmet. Er hatte sich zunächst mit großem Engagement für die Verbreitung von Erneuerbaren Energien eingesetzt (von ihm stammt der Begriff DESERTEC – Strom aus der Wüste). Auf ihn geht die Initiative des Viable World Design Network zurück, das Ende 2014 gegründet wurde. Die beiden Autoren haben in diesem Netzwerk mit ihm an vielen Diskussion teilgenommen, aus denen einige der hier vorgestellten Überlegungen hervorgingen, die in Konzeptpapieren zusammengefasst wurden, auf die hier u.a. Bezug genommen wird. Einige Aspekte wurden auch bei der gemeinsamen Tagung des Netzwerks mit der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) im Dezember 2018 über „Viable World: Gangbare Wege in eine lebensfähige und lebenswerte Welt“ in Hamburg diskutiert.

Die heutigen knapp 7,8 Milliarden Menschen überziehen die ökologische Leistungsfähigkeit der Erde um etwa die Hälfte. Zugleich wird die Bewohnbarkeit unserer Erde weniger durch das fortwährende Bevölkerungswachstum reduziert, sondern vielmehr wegen der Ideologie des ständigen Wirtschaftswachstums sowie der Krisenerscheinungen und Kämpfe von Nationalstaaten um Ressourcen und Macht, die die soziale und ökologische Selbstzerstörung der Menschheit vorantreiben. Bei einem klügeren Umgang mit der Erde könnte die Menschheit deren Bewohnbarkeit verbessern. Dafür bedarf es einer gemeinsamen Strategie für eine lebensfähige und lebenswerte Welt im gemeinsamen Hause der Erde, im Kontext einer Welt-Innenpolitik. Wenn die Menschheit jetzt beginnt, mit künftigen Generationen und den natürlichen Lebensgrundlagen zusammenzuleben (zu cohabitieren), und wenn sie aufhört, Krieg zu führen, kann sie überleben.

Globale Probleme in der vollen Welt

Es war Alexander von Humboldt, der als einer der Ersten davor gewarnt hat, dass die Menschen „sich in die Natur einmischen“ und dass dies „unvorhersehbare Folgen für kommende Geschlechter“ haben könnte (Wulf 2016, S. 16). Lange haben Ökonomen und Politiker die Aufforderung des jüdisch-christlichen Gottes aus Genesis 1,28 („Macht euch die Erde untertan“) dahin missverstanden, dass Grund und Boden wie ein kostenloser Faktor in alle Berechnungen und Rentabilitätsüberlegungen nicht einbezogen werden müssten. Das hat dazu geführt, dass nicht wie in den vergangenen Jahrhunderten die Naturgewalten dem menschlichen Leben Grenzen gesetzt haben.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist die Lebenspraxis des homo sapiens zu einer Gewalt im Anthropozän geworden, die dem Leben auf der Erde Grenzen setzt: Die Menschen heizen die Atmosphäre auf; sie versauern und düngen die Meere, machen sie fischarm, voller Algen und Plastikmüll; sie schädigen zur Steigerung landwirtschaftlicher Erträge die Fruchtbarkeit der Böden durch Kunstdünger, Gülle und Abholzen der Wälder; sie sorgen dadurch zu einem Verlust an Biodiversität und Ausrottung vieler Pflanzen und Tiere. Somit kann die Erde in gewisser Weise als Produkt der Menschen betrachtet werden: Pflanzen und Tiere leben entweder nach Maßgabe menschlicher Bedürfnisse oder auf Grund menschlicher Gnade in Reservaten. Dazu hat Heinrich Böll schon 1976 erklärt, dass „macht euch die Erde untertan“ ja nicht bedeuten könne „zerstört und verhöhnt eure Erde“! (Böll 1976)

Der Wachstumsbegriff beflügelt seit Jahrzehnten Ökonomen und Politiker: Nur bei einem stetigen Wachstum des Bruttosozialprodukts ist nach deren Vorstellungen das Wohlergehen der Menschheit gesichert. Dagegen hat schon 1972 der Club of Rome in seinem Bericht zur Lage der Menschheit „Die Grenzen des Wachstums“ davor gewarnt, dass ein exponentielles Wachstum auch zu einer exponentiell zunehmenden Umweltverschmutzung führt und hat dargelegt, dass ein „Übergang vom Wachstum zum Gleichgewicht“ erforderlich sei (Meadows 1972, S. 161). Zwanzig Jahre später, in der Konferenz von Rio, wurde das Prinzip der Nachhaltigkeit zu neuem Leben erweckt. Die Förster der Goethezeit beschrieben vor mehr als 250 Jahren das Gebot, nicht mehr aus den Wäldern abzuholzen als im selben Jahr nachwächst (Grober 2010, S.115). Diesem Prinzip liegt auch der „ökologische Fußabdruck innerhalb planetarischer Grenzen“ zu Grunde. Entgegen allen vollmundigen Versprechungen ist der Tag, an dem die menschliche Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen das Angebot und die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen in diesem Jahr übersteigt (also mehr verbraucht als nachwächst), der „Welterschöpfungstag“ oder „Ökoschuldentag“ (Earth Overshoot Day) (Wackernagel/Beyers 2016, S.105 ff.), immer weiter Richtung Jahresanfang gerückt: 2018 war er am 5. August und 2019 am 29. Juli. Aufgrund der wirtschaftlichen Einbrüche durch die Corona-Pandemie rückte dieser Tag für 2020 wieder in den August (22.08.2020).

Die Menschheit überzieht also die ökologische Leistungs- und Tragfähigkeit der Erde um etwa die Hälfte. Die von der UNO für 2100 geschätzten mehr als 10 Milliarden Menschen würden nicht nur noch mehr von der Erde verlangen, sondern auch eine ökologisch erheblich reduzierte Bewohnbarkeit vorfinden, wenn bis dahin keine Lösung der Probleme gefunden sein wird. Dies ist zu erwarten, solange Nationalstaaten sich weiter wie Rivalen verhalten und die Erde als Kampfplatz missbrauchen. Bessere wirtschaftliche, soziale oder technische Systeme, wie saubere Energien sind jetzt schon verfügbar, werden aber allein den Kampfplatz nicht in einen Lebensraum umwandeln.

Seit vielen Jahren besteht unter den WissenschaftlerInnen, die sich der Überlebensfähigkeit der Erde widmen, kein Zweifel, dass eine lebenswerte und überlebensfähige Erde nur dann erhalten bleiben bzw. wiederhergestellt werden kann, wenn die folgenden Probleme in einer allen Menschen gerecht werdenden Weise bewältigen werden (vgl. Knies 2016):

  • Das Bevölkerungswachstum und die Überbevölkerung mit entsprechendem Naturverbrauch
  • Der globale Klimawandel
  • Das Wohlstands- und Armutsgefälle und die wachsende Kluft zwischen arm und reich
  • Die Naturzerstörung durch ungebremsten VerBrauch nicht erneuerbarer Ressourcen
  • Zunehmender Verlust an Biodiversität
  • Die Erde als Kampfplatz für Kriege
  • Das gefährliche Beharrungsverhalten.

Das Bevölkerungswachstum hat dazu geführt, dass wir spätestens seit 1970 auf einer „überfüllten Erde“ leben. Von 1800 bis 1930 hat der homo sapiens sich von einer Milliarde auf zwei Milliarden verdoppelt. Eine weitere Verdoppelung auf vier Milliarden war schon 1975 (also nach nur 45 Jahren) erreicht. Und im Lauf des 21. Jahrhunderts wird ein Anstieg auf vielleicht zehn oder elf Milliarden prognostiziert. Die früher vorherrschende Erwartung der Elterngeneration, viele Kinder könnten im Alter ihr Leben absichern, wurde in den Staaten des globalen Nordens abgelöst von der Rentengesetzgebung, so dass dort jede Frau durchschnittlich nur ein oder zwei Kinder zur Welt bringt. In vielen Staaten Afrikas liegt die Zahl der Kinder pro Frau noch immer zwischen fünf und sechs Kindern. Ein Weg der Bevölkerungskontrolle ist die Empfängnisverhütung, neben den Faktoren, die den demographischen Übergang zu sinkenden Geburtenraten hervorbringen wie die Steigerung des Wohlstands und die Emanzipation von Frauen.

In der zweiten Auflage seiner mahnenden Schrift „Erdpolitik – Ökologische Realpolitik an der Schwelle zum Jahrhundert der Umwelt“ hat Ernst Ulrich von Weizsäcker schon 1990 gefordert: „Der Zustand der Erde verlangt gebieterisch globales Denken“. Er endet mit dem Bekenntnis: „Die Erde verdient es, dass wir sie als unsere Heimat ansehen. Die Heimat, das wissen alle Kulturen, zerstört man nicht“ (von Weizsäcker 1990, S. 272). Gleichzeitig hat er einschränkend konstatiert, dass „unsere Politik noch großenteils national organisiert ist“. Die Menschheit steht auf dem Gebiet der Umwelt- und Friedens-Politik vor denselben Aufgaben wie auf dem Gebiet der Gewaltanwendung: Viele Staaten haben es geschafft, die Durchsetzung von Interessen durch Anwendung von Gewalt durch das Prinzip des „Gewaltanwendungsmonopols des Staates“ und Schaffung justizförmiger Verfahren für ihren eigenen Bereich zu zähmen. Für den Bereich internationaler Beziehungen ist diese Aufgabe noch zu lösen. Der Weltsicherheitsrat der UNO ist durch das Veto-Recht seiner fünf ständigen Mitglieder leider meistens „gelähmt“.

Nationalstaaten im Krisenmodus

Die globalen Probleme setzen Natur und Gesellschaft unter Stress und schaffen verschiedene Krankheitssymptome des Planeten. Die Systeme antworten höchst unterschiedlich auf die dadurch hervorgerufenen Situationen. Einige Reaktionen können die Probleme verschlimmern: Sicherheitsrisiken, Instabilität, Fragilität, Aggressivität, Gewalt, Konflikte, Flucht. Andere Reaktionen tragen zur Problemlösung bei: Risikovermeidung und Anpassung, Friedenssicherung, Konfliktlösung und Kooperation, Schaffung von Sicherheit, Solidarität und Resilienz, Transformation zur Nachhaltigkeit. Beide Reaktionstypen konkurrieren miteinander und sind in ihren Folgen höchst unterschiedlich. In bestimmten Situationen können Kipp-Punkte überschritten sowie Kettenreaktionen und Ereigniskaskaden ausgelöst werden, die weitere Probleme, aber auch Lösungen anstoßen können (Scheffran 2016).

Wenn jeder nur an sich selbst denkt, werden kaum gemeinsame Lösungen möglich sein. Das gilt für Unternehmen, die in wirtschaftlicher Konkurrenz zueinander um Märkte stehen, Individuen, die ihren Eigennutz auf Kosten der Gemeinschaft maximieren, Religionen, die einen Alleinvertretungsanspruch verfolgen oder Nationalstaaten, die dominieren wollen. Dafür gibt es in der Geschichte allzu viele negative Beispiele.

Im Mai 1945 musste die Weltöffentlichkeit feststellen, in welches Chaos unsere Erde durch den übersteigerten Nationalismus des Dritten Reichs gestürzt wurde. Damals fand das Prinzip der Zusammenarbeit der Staaten große Zustimmung – am 26.06.1945 wurde die Charta der Vereinten Nationen verabschiedet und am gleichen Tag das Statut des Internationalen Gerichtshofs. Und am 10.12.1948 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die zu Beginn ihrer Präambel die „angeborene Würde … aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen“ anerkennt. Hierzu hat Karl Kraus schon 1933 in seiner zunächst nicht veröffentlichten „Dritten Walpurgisnacht“ festgestellt, dass der Nationalismus (also die Inanspruchnahme eines Vorrangs des eigenen Staates) nicht mit der Würde eines jeden Menschen vereinbar ist.

Die in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zu selbständigen Staaten gewordenen früheren Kolonialgebiete haben sich in den meisten Fragen von den früheren Kolonialstaaten abgegrenzt – nicht aber bei der Begründung ihrer „nationalen Interessen“. Und heute – dreißig Jahre nach Beendigung des Kalten Krieges – ist es vielen Ländern wieder selbstverständlich geworden, den Interessen des eigenen Staates einen starken Vorrang einzuräumen vor den unabweisbaren Notwendigkeiten einer internationalen Zusammenarbeit mit dem Ziel, die zuvor benannten für eine überlebensfähige Erde dringenden Probleme zu lösen.

Den Bemühungen zur Schaffung von rechtsstaatlichen Demokratien mit gegenseitiger Kontrolle der drei Staatsgewalten Legislative, Exekutive und Judikative und einem „Gewalt-Anwendungsmonopol“ des Staates ist es gelungen, die Anwendung von Gewalt unter den eigenen Staatsangehörigen „einzuhegen“. Im Bereich des Umgangs der verschiedenen Staaten miteinander ist diese Aufgabe – trotz Gründung und entsprechender Bemühungen der UNO – noch ungelöst. Im Bereich der Europäischen Union hat es seit Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im Jahre 1957 manchen Fortschritt gegeben, und weil sie einige Souveränitätsrechte an die Organe der EU abgetreten haben, erfreuten sich deren Mitgliedsstaaten eines kaum geahnten wirtschaftlichen und sozialen Aufschwungs. Dieser wird allerdings durch den BREXIT und die „own-country-first“ Überlegungen mancher Mitgliedsstaaten derzeit in Mitleidenschaft gezogen. Die derzeitigen Probleme bei der Aufstellung des Unionsetats bis 2026 lassen vermuten, dass es manchem der Repräsentanten der verbleibenden Mitgliedsstaaten mehr darum geht, möglichst viel für ihr Land zu erhalten, und dass sie sich nicht im Interesse der Gemeinschaft an der Aufbringung der erforderlichen Mittel beteiligen bzw. einen Plan für deren Verwendung aufstellen. Gleiches galt für die Probleme darüber, wie viel Darlehen und wie viel nicht rückzahlbare Leistungen der Corona-Fonds der EU enthalten soll.

Die USA haben schon seit mehr als dreißig Jahren kein internationales Abkommen ratifiziert, das ihnen einforderbare Pflichten auferlegt. Die Erkenntnis aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, dass alle Menschen gleich und von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten versehen sind, gilt augenscheinlich nicht für Menschen außerhalb der USA, deren Rechte souverän missachtet werden. Das zeigen zahlreiche Tötungen von Gegnern im „war on terror“, nicht nur von bekannten Fällen wie Osama Bin Laden unter Präsident Obama oder dem iranischen Generals Suleimani durch Präsident Trump, sondern auch vieler anderer, ob nun absichtlich oder als Kollateralschaden.

In den vergangenen fünf Jahren hat der Nationalismus weltweit zugenommen, teilweise als Reaktion auf die Globalisierung und damit verbundene Krisenerscheinungen, die von vielen Menschen als Bedrohung für den Nationalstaat interpretiert werden. Manche sehen in der Nation eine Möglichkeit, sich vor dem Chaos der Welt zu schützen, selbst wenn dieses Chaos durch die Nationalstaaten hervorgerufen wird. Wenn die Bewohnbarkeit der Erde weiter belastet wird, könnte dies die Tendenz zum Nationalismus noch verstärken. Die Nationalstaaten werden so noch mehr zu Rivalen, die die Erde zum Kampfplatz machen. Dies zeigt die im vergangenen Jahrzehnt weltweit gestiegene Zahl gewalttätiger Konflikte.

Viele Nationalstaaten bleiben in ihrem veralteten Rivalitätsmodus gefangen und kümmern sich weiter vorrangig um nationale Eigeninteressen. Sie sind eher bereit, dafür die Welt aufs Spiel zu setzen, als ihr Verhalten zu ändern. Angesichts der Machtrivalitäten werden bessere Wirtschafts-, Sozial-, Energie- oder Techniksysteme allein den Kampfplatz Erde nicht in einen überlebensfähigen Lebensraum verwandeln. Bislang fehlt eine integrierte Strategie zur Verbesserung der Bewohnbarkeit der Erde, die über eine Ansammlung einzelner Lösungsvorschläge hinausgeht. Und es fehlt das Bewusstsein vieler Repräsentanten der Nationalstaaten, dass internationale Zusammenarbeit unabdingbar ist zur Lösung der Probleme unserer Erde.

Dabei gibt es durchaus Alternativen, dem Gefangenen-Dilemma und der Tragödie der Allmende zu entkommen. Dazu braucht es ein neues Denken, das Michail Gorbatschow schon in den 80er Jahren gefordert hat. Seine Versuche, den Westen davon zu überzeugen, scheiterten. Dieser nahm den Zerfall des Ostblocks dankbar an, ohne sein Denken oder Verhalten zu ändern. Eine Konsequenz fortgesetzter Machtpolitiken und der Globalisierung ist, dass heute nicht nur die liberale Weltordnung zur Disposition steht, sondern der ganze Planet. Dies hat Gorbatschow nicht daran gehindert, in seinem Buch „Manifest für die Erde“ seine Ideen auf den gesamten Planeten auszuweiten (Gorbatschow 2003).

Notwendigkeit einer tragfähigen Welt

Die Notwendigkeit einer fundamentalen Wende ergibt sich daraus, dass Staaten und Völker nunmehr weniger in einem militärisch und ökonomisch gewinnbaren Wettkampf gegeneinander stehen, sondern vielmehr in einem ökologischen Überlebenskampf miteinander, den sie nur noch gemeinsam gewinnen können oder verlieren werden. Auch wenn alle Menschen im einem Boot sitzen, das zu kentern droht, gibt es Unterschiede zwischen den Erdenbewohnern, wodurch einige früher, andere später untergehen werden. Die Coronakrise macht die missliche Lage wie in einem Brennglas deutlich und treibt auf nahezu allen Ebenen menschlichen Handelns Lernprozesse voran, die auch im Kampf gegen viele andere Krisen im Anthropozän genutzt werden können, um die notwendige „zweite Aufklärung“ zu fördern (Mittelstaedt 2020; Scheffran 2020; von Weizsäcker 2017, S. 124 ff).

Die Bewohnbarkeit unserer Erde wird weniger durch die wachsende Bevölkerung reduziert, sondern vielmehr wegen derzeitiger Krisenerscheinungen und der Kämpfe um Ressourcen und Macht. Die zentralen politischen Akteure sind die Nationalstaaten, die sich vorrangig um nationale Eigeninteressen kümmern, jedoch kaum für das Leben und Überleben auf unserem Planeten. Zunehmend werden nationale Egoismen zur globalen Bedrohung für die Menschheit. Die Sicherheitspolitiken der Staaten sind bislang nicht auf die Herausforderungen der vernetzten Welt eingestellt. Mit dem veralteten Rivalitätsmodus treibt die Menschheit ihre soziale und ökologische Selbstzerstörung täglich voran. Sie bleibt gefangen in der Identifizierung und Abwehr von externen Bedrohungen ihrer nationalen Sicherheit, und ist nicht eingestellt auf transnationale Risiken, die nicht durch einen lokalisierbaren „Feind“ verursacht werden, der durch einen Militärschlag ausgeschaltet werden kann, sondern teilweise selbst verursacht sind. Gegen wen oder was sollen sich da militärische Mittel richten?

Die Bewohnbarkeit der Erde müsste zum übergeordneten und gemeinsamen Ziel der Völkergemeinschaft und einer Welt-Innenpolitik werden, der die Existenz der Menschheit wichtiger ist als die bisherigen Rivalitäten der Nationalstaaten. In unserer „vollen Welt“ (von Weizsäcker 2017, S. 110 ff.) ist alles mit allem eng verknüpft. Wohlergehen und Sicherheit der Bürger jedes Staates hängen mit denen aller Menschen der Erde zusammen. Die innere Souveränität eines Staates ist von den Fußabdrücken aller Menschen betroffen (heutige und zukünftige Generationen) und schränkt eben diese Souveränität der Nationalstaaten ein. Bricht ein Staat zusammen, emittiert ein Mensch CO2, verbreitet sich ein infektiöser Virus oder werden globale Kommunikationsnetze ausgebaut, spüren es alle. „Die Menschen und Gesellschaften werden täglich stärker zur Menschheit wie zu einem Superorganismus integriert, und machen nationale Souveränität zu einem historischen Relikt auf der globalen Bühne.“ (Knies 2017)

Würden Nationalstaaten die Sicherung der Bewohnbarkeit der Erde zum obersten nationalen und globalen Leitziel einer Welt-Innenpolitik machen, könnte der Aufbau einer „Viable World“ in wenigen Jahrzehnten möglich sein. Bei einem klügeren Umgang mit der Erde könnte die Menschheit deren Bewohnbarkeit verbessern. Doch dafür bedarf es einer gemeinsamen Strategie für eine lebensfähige und lebenswerte Welt, die übergeordnetes Ziel einer Welt-Innenpolitik ist. Wenn sie beginnt zusammen zu leben – zu cohabitieren – mit sich selbst, mit künftigen Generationen und den natürlichen Lebensgrundlagen, und wenn sie aufhört gegen einander Kriege zu führen, kann sie in ihrem gemeinsamen Haus (Habitat) Erde überleben. Dazu müsste die Architektur der Vereinten Nationen für den Schutz und die Entwicklung globaler Gemeingüter bis 2030 weiterentwickelt werden. Auch wenn dies einleuchtend klingt, erscheint es derzeit angesichts vieler internationaler Streitigkeiten illusorisch. Eine Transformation ist nur dann möglich, wenn die National-Staaten zügig auf ihr antagonistisches Verhalten verzichten und die Zusammenarbeit verstärken, was in Teilbereichen des internationalen Systems immerhin schon gelegentlich geschieht.

Bausteine einer Viable World

Um die genannten globalen Risiken der antagonistischen Welt überwinden oder Mensch und Natur zumindest dagegen besser immunisieren zu können (im Sinne eines von der Menschheit kollektiv errichteten Schutzwalls), sind innovative Ideen und praktikable Konzepte erforderlich, wie mit den gegenwärtig schon vorhandenen Ressourcen und Technologien die Staaten im Zusammenspiel die meisten der globalen von den Menschen verursachten Krisenentwicklungen unter Kontrolle bringen und die Bewohnbarkeit der Erde für mehr als 10 Milliarden Menschen und die Tier- und Pflanzenwelt sichern könnten. Im von Gerhard Knies entwickelten Cohabitania-Modell werden vier wesentliche Bausteine einer lebensfähigen und lebenswerten Welt (Viable World) formuliert: erneuerbare Energien für alle, ökologischer Fußabdruck innerhalb ökologischer Grenzen, sauberer Wohlstand für alle und Cohabitation der Nationalstaaten (Knies 2017).

  • Erneuerbare Energien: Der bisherige Kampf um fossile Ressourcen muss durch technische und wirtschaftliche Kooperation abgelöst werden. Der Zustrom durch erneuerbare Energiequellen übertrifft den Energieverbrauch der Menschheit bei weitem, selbst bei einer weiteren Steigerung. Sie produzieren weder klimaschädliche Abgase oder gefährlichen Restmüll, noch Konflikte um endliche Ressourcen, wenn ihr Ausbau nachhaltig und partizipativ gestaltet wird. Mit wachsendem Verbrauch sinken die Kosten für sauberen Strom und werden konkurrenzfähig zu Kohle, Öl, Gas und Kernenergie, ohne deren Umweltschäden einpreisen zu müssen. Besondere Bedeutung hat künftig eine intensive Nutzung der Sonnenenergie. Sobald die erforderliche Infrastruktur vorhanden ist, wird es auch in ärmeren Ländern möglich sein, eine kostengünstige Solarenergie anzubieten (Inzwischen sind die PV-Preise so stark gesunken, dass das bereits vielfach machbar ist). Diese Idee steckte hinter dem DESERTEC-Konzept, das in Wüstengebieten der Erde großflächig Anlagen für konzentrierte Solarenergie aufbauen und über Kontinente hinweg durch Stromnetze verbinden will, insbesondere im Mittelmeerraum zwischen Nordafrika, Nahost und Europa.
  • Ökologischer Fußabdruck innerhalb ökologischer Grenzen: Ein ökologischer Fußabdruck innerhalb planetarischer Grenzen ist erreichbar durch vorhandene saubere Techniken und unbegrenzte erneuerbare Energiequellen – auch für mehr als 10 Milliarden Menschen bei einem Wohlstand auf hohem Niveau. Unter diesen Bedingungen können auch in den ärmeren Ländern alle umweltpolitisch erforderlichen Standards eingehalten werden, was der ökologischen Übernutzung der Erde Grenzen setzt und den Schutz von Ökosystem-Dienstleistungen erlaubt.
  • Wohlstand für alle: Angesichts des Reichtums der Erde und bei ausreichender Energieversorgung ist Wohlstand für alle technisch, ökonomisch und logistisch möglich, wenn die Staaten global zusammenarbeiten und Externalisierung von Schäden nicht dulden. Er würde mehr globale Gerechtigkeit, Ende von Umweltvergiftung und Übernutzung der Erde, und Ende von exzessivem Bevölkerungswachstum zur Folge haben. Dazu ist die Zusammenarbeit aller UNO-Staaten erforderlich, um hinreichende Mittel zur Verfügung zu stellen, damit alle Menschen (insbesondere die in den bisher benachteiligten Staaten des globalen Südens) an den Ressourcen der Erde beteiligt sind und ihre grundlegenden Lebensbedürfnisse zufriedenstellen können.
  • Cohabitation der Staaten: Ungeachtet der Machtkämpfe zwischen Großmächten und bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen einigen verfeindeten Staaten, die zur internationalen Destabilisierung führen (wie in Syrien und Libyen), leben die meisten Staaten friedlich mit ihren Nachbarn zusammen. Dies gilt besonders für die Staaten der Europäischen Union, die von geregelter Kooperation profitieren. Künftig muss es gelingen, im Rahmen einer Cohabitation auch eine umfassende Kooperation und einen Ausgleich zwischen reichen und armen Staaten herbeizuführen und jede Gewaltanwendung bei der Durchsetzung der Interessen einzelner Staaten auszuschließen.

Die Idee einer Welt-Innenpolitik

Als Vorbild für eine globale Cohabitation dient das Konzept der Welt-Innenpolitik, das von dem Physiker, Philosophen und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker eingeführt wurde, u.a. um einen globalen Atomkrieg zu vermeiden. Erwähnt wurde es im Oktober 1963 in seiner Dankesrede für die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. Er sprach damals davon, dass der Weltfriede nicht das „Goldene Zeitalter“ sei, sondern dass sich sein Herannahen in der allmählichen Verwandlung der Außenpolitik in Welt-Innenpolitik ausdrücke (von Weizsäcker o.J., S.127). Zu diesem Begriff haben Klaudius Gansczyk und Ulrich Bartosch im Mai 2007 in Tutzing eine Tagung veranstaltet, die in dem Buch „Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert“ (Bartosch/Gansczyk 2009) dokumentiert ist. Zu Ehren des 100. Geburtstages von Carl Friedrich von Weizsäcker haben Kieler Studenten am 27. und 28. Juni 2012 eine Veranstaltung durchgeführt, die Klaudius Ganszyk unter dem Titel: „Engagiert euch: Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert“ dokumentiert hat.

Ulrich Beck hat am Ende seiner 2010 erschienenen Schrift „Nachrichten aus der Weltinnenpolitik“ festgestellt, dass die alten nationalstaatlichen Institutionen nicht mehr funktionieren und neue – wie etwa G 7 oder 8 bzw. G 20 – noch nicht formell implementiert und daher noch unverbindlich seien (Beck 2010, S. 133). Er beklagt, dass es mittlerweile zu den Binsenweisheiten zähle, dass „angesichts der Globalisierung von Kapital und Risiken nationale Maßnahmen zum Scheitern verteilt sind. Ein ‚Weltstaat‘ existiert nicht, und keine internationale Organisation ist in der Lage, Risiken und Kapitalströme auf globaler Ebene so effizient zu regulieren wie der Wohlfahrtsstaat in der nationalstaatlichen Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg. Weltinnenpolitik meint dementsprechend das Ringen um komplexere Machtinstrumente jenseits des Nationalstaats in Anbetracht weltpolitischer (Inter-)Dependenz“ (Beck 2010, S.133). In der heutigen vollen und übernutzten Welt, unter der Drohung von Krisen und Kriegen, braucht die Menschheit eine Welt-Innenpolitik, um die Bewohnbarkeit der Erde zu sichern. Die Existenzsicherung der Menschheit ist das übergeordnete, gemeinsame Ziel der Völkergemeinschaft, das wichtiger ist als Rivalitäten.

Cohabitation: Zusammenleben im gemeinsamen Haus der Erde

Während im Zeitalter fossiler Energien Staaten Rivalen um begrenzte Energieressourcen waren, sind im Anthropozän Wissen und Internationalität wichtige Ressourcen der Menschheit. Die Hauptdefizite der gegenwärtigen Welt und die Risiken für ihre Weiterentwicklung sind weniger die Knappheit einiger Ressourcen oder Umfang und Lebensweise der Menschheit, sondern die fehlende Entschlossenheit und Zuständigkeit der Staaten und Regierungen, für ein umfassendes Zusammenleben zum gegenseitigen Nutzen zu sorgen. Auf eine Klimapolitik zu vertrauen, die auf Versuch und Irrtum setzt, dafür ist das zulässige Temperatur-Fenster auf der Erde zu klein. Für einen gewaltsamen Schlagabtausch der Großmächte ist die volle Welt zu zerbrechlich, erst recht, wenn es um Atomwaffen geht. Seit einigen Jahrzehnten sind die Nationalstaaten keine unabhängigen Einheiten mehr, Sicherheit lässt sich am besten kollektiv und kooperativ in einer stabilen Welt erreichen, was in Konzepten der kollektiven und kooperativen Sicherheit schon in den 1980er Jahren vorgedacht wurde. Von der traditionellen Rivalitätshaltung zwischen Nationen sollte die Menschheit sich zu einer globalen, gemeinschaftlichen Denkweise entwickeln.

Nach Ansicht von Gerhard Knies könnte das Miteinander der Staaten ähnlich organisiert werden wie eine Gemeinschaft der Wohnungseigentümer: Jeder Staat hat sein „Sondereigentum“ und verwaltet mit allen anderen Staaten das „Gemeinschaftseigentum“ so, dass kein Nationalstaat Maßnahmen ergreift, welche die Erde als Ganzes oder einzelne andere Staaten schädigen könnten. Dafür wurde der Begriff Cohabitation entwickelt, um das gemeinsame Zusammenleben, -wohnen und -arbeiten im Haus der Erde zu ermöglichen. Wenn die Staaten global zusammenarbeiten, haben sie die Möglichkeit, Schaden von der Menschheit insgesamt abzuwenden, um ihre BürgerInnen zu schützen. Idealerweise arbeitet die Menschheit als Team (Humaniteam) zusammen, wodurch jeder Staat mehr nationale Vorteile von globalem Wohlergehen und Sicherheit hat als Nachteile. Das gewaltsame Durchsetzen nationaler Interessen zu Lasten anderer Staaten oder Generationen (Antagonia-Modus) funktioniert nicht mehr, im Unterschied zu einem gedeihlichen Zusammenwohnen (Cohabitania-Modus) im Gemeinsamen Haus der Erde.

Der Cohabitania-Modus bietet für alle Staaten und Völker einen vorteilhaften Weg in die Zukunft, um von der punktuellen Zusammenarbeit zur Cohabitation überzugehen und die Erde zu einem sicheren Lebensraum für alle zu machen. Nationalstaaten bekommen dabei eine veränderte internationale Rolle; sie werden zu wesentlichen Organisatoren des globalen Zusammenspiels im Konzert der Mächte und leisten einen Bei-trag zum Wohl der Menschheit anstelle Kämpfer für nationale Vorteile zu sein. Ein globales Cohabitationsmodell wäre für Nationalstaaten eine Art Betriebssystem, das auf die Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Bewohnbarkeit der Erde zielt. Die Frage ist, wie der System-Übergang der Staaten vom Antagonia- zum Cohabitania-Modus organisiert werden kann, um die Erde zu einem sicheren Lebensraum für alle machen. Verschiedene staatliche und zivilgesellschaftliche Elemente wurden in dem COHAB-Konzept von Gerhard Knies vorgeschlagen, um den Aufbau einer lebensfähigen und lebenswerten Welt für alle Milliarden Menschen zu entwickeln.

  1.  Intergovernmental Panel on Habitability of Planet Earth: Ein solches Weltforum für die Bewohnbarkeit der Erde wäre analog zum Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) oder zur Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) einzurichten, um die notwendigen wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Arbeiten für die Bewohnbarkeit der Erde zu organisieren. Dies dient auch zur Unterstützung einer entsprechenden völkerrechtlichen Vereinbarung für die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung einer guten Bewohnbarkeit unseres Planeten, vergleichbar der Klimarahmenkonvention oder der Biodiversitätskonvention, und wäre komplementär zu anderen erstrebenswerten Zielen für die Menschheit, etwa den 17 Sustainable Development Goals der UNO. Dabei kann auch auf die Studien zur Habitability of Planet Earth Bezug genommen werden. Die erforderliche Welt-Innenpolitik für die Bewohnbarkeit der Erde und gegen die Selbstzerstörung der Menschheit könnte im Stile einer Soft Global Governance begonnen werden, also durch eine wachsende Allianz von willigen Staaten, die sich nicht von Opponenten bremsen lässt. Elemente von hard governance könnten und sollten in Form von bindenden Verträgen von den „willigen Staaten“ entwickelt werden.
  2.  Nationale Ministerien für globales Zusammenleben: Vorgeschlagen wird, dass alle Staaten Cohabitations-Ministerien für Zusammenleben, Wohlergehen und Sicherheit der gesamten Menschheit einrichten, die damit zu Zielen nationaler Politik werden, eigenes Wohlergehen zu sichern und Schaden von der eigenen Bevölkerung zu nehmen. Es geht dabei nicht um die Gefährdung der Identität, Souveränität und Sicherheit eines Staates, weil sie auch seinen BürgerInnen nützen soll. Cohabitationsminister ergänzen nationale Außen-, Verteidigungs-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik in eine Welt-Innenpolitik zur dauerhaften Bewohnbarkeit der Erde und entschärfen gefährliche Komponenten und Spannungen. Mithilfe eines von WissenschaftlerInnen zu erarbeitenden „Weißbuchs“ werden weltweit kritische Entwicklungen verfolgt, um nationale Politik zur Problemlösung zu gestalten.
  3.  Internationale Konferenzen des Zusammenlebens: Ausgehend vom Vorbild der Weltklimakonferenzen werden Konferenzen durchgeführt, um das Zusammenleben zu einem breiten Spektrum miteinander verbundener Themen wie Klima, Wasser, Nahrung, Wohlstand, Bevölkerungswachstum und anderer Sorgen um die Bewohnbarkeit der Erde zu organisieren. Cohabitationsminister einzelner Nationen erkunden gemeinsam, wie sie ihre Ideen, ihre Politik und ihre nationalen Fähigkeiten kombinieren können, um das Zusammenleben mit dem Ziel einer lebensfähigen Welt zu organisieren, und Regeln und Ziele für das Zusammenleben und die Einbeziehung weiterer Nationen zu stärken.
  4. Nationalstaaten werden von Konkurrenten zu Partnern: Ein wachsender Teil staatlicher Militärausgaben wird auf Projekte verteilt, die ökologische Schäden reduzieren und die menschliche Entwicklung vorantreiben. Militär wird Schritt für Schritt durch ziviles Personal und Infrastrukturen für eine lebensfähige Welt ersetzt. Die Institution Krieg sollte überflüssig gemacht werden durch alternative, von allen beteiligten Staaten zu entwickelnde Konfliktlösungen und Vorsorgepolitiken.
  5. Cohabitationsbasierte globale Governance: Diese könnte die Fähigkeit der Menschheit verbessern, alte und neue globale Probleme in organisierter und konstruktiver Weise zu lösen. Immer mehr Nationen sollten sich einer Weltallianz für Cohabitation anschließen, die die Menschheit als Einheit sieht und sich verpflichtet, eine lebensfähige Welt aufzubauen, den militärischen Sektor zu reduzieren und die gewonnene Kapazität für Unterstützungsteams einer lebensfähigen Menschheit auf der Erde zu nutzen. Der Fokus liegt auf Soft Global Governance durch eine wachsende Allianz williger Staaten, die sich nicht von Opponenten bremsen lässt. Ergänzungen durch Hard Governance sollten möglich sein, z.B. bindende Verträge.

Rahmenbedingungen einer Transformation

Die Realisierung des Viable World Modells und insbesondere des COHAB-Konzepts zeigt gangbare Wege, wie souveräne Staaten für die gesamte Menschheit den erforderlichen politischen Willen, die erforderlichen Kompetenzen und die Global Governance Kapazitäten auf-bauen könnten. Dabei bewahren sie nicht nur ihre nationale Souveränität, sondern gewinnen sogar für globale Aufgaben ein Stück verloren gegangener zurück. Es geht hierbei nicht um eine Weltregierung, sondern um die Koordinierung des Zusammenlebens und dafür erforderliche Regeln sowie um Kodizes im Kontext der UN-Charta unter den Bedingungen des Anthropozäns. Auch wenn globale Fragen durch globale Allianzen entschieden werden, müssen die Bedürfnisse und Prioritäten der Menschen auf regionaler, nationaler oder niedrigerer Ebene beachtet werden. Zusammen gehören demokratische Prozesse auf globaler Ebene (ggf. auch durch eine parlamentarische Vertretung) und Subsidiarität in der Organisation und Regulierung lokaler Angelegenheiten, inklusive höherer Ebenen wie Provinzen, Länder und geografische Regionen.

Für die Realisierung bleiben noch viele Fragen ungelöst. Ob das COHAB-Modell eine unerreichbare Vision bleibt, hängt auch davon ab, wie es sich in das System der Vereinten Nationen integrieren lässt und wie mit Nationen umzugehen ist, die das globale Anliegen sabotieren. Beeinflusst wird die Realisierung durch die Unterstützerbasis und wie empfänglich die Welt dafür ist. Seit der Viable World Verein Ende 2014 gegründet wurde, hat die Welt sich zunehmend in einen Krisenmodus begeben, wodurch die Aufnahmebereitschaft für konstruktive Lösungsansätze verschlechtert wurde. Entsprechend blieb die Zahl der Mitglieder klein, so dass das Modell nicht umfänglich weiterentwickelt werden konnte. Das geplante Weißbuch konnte deshalb bisher leider nicht formuliert werden. Tatsächlich würde es zahlreiche Unterstützer brauchen, um das Modell konkret auszuarbeiten, insbesondere die Ministerien für Weltinnenpolitik. Die Bereitschaft deutscher Politiker, sich mit derartigen Ideen zu befassen, war bislang gering. Meist wird auf schon bestehende Aktivitäten in Ministerien oder in den Vereinten Nationen verwiesen.

Auf dem Gebiet der internationalen Zusammenarbeit zur Wahrung einer überlebensfähigen Welt wird also noch manche Überzeugungsarbeit zu leisten sein. Die Aussage von Max Weber (in „Politik als Beruf“ – Rede vor Münchener Studenten im Jahre 1919) wonach „Politik“ ein „starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ bedeute, wurde von ihm selbst dahin ergänzt, dass „alle geschichtliche Erfahrung“ bestätige, dass man „das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre“ (Weber 1959, S. 267).

Immerhin wurde der Cohabitationsvorschlag von Gerhard Knies durch Ernst Ulrich von Weizsäcker aufgegriffen und in seinem mit Anders Wijkman verfassten Bericht an den Club of Rome mit dem Titel „Wir sind dran – Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“ unter Ziff 3.16.3 vorgestellt, unter der Überschrift „COHAB-Zusammenarbeitsmodell der Nationalstaaten“ (von Weizsäcker 2017, S. 354 ff.). In diesem Buch finden sich viele Anregungen und Anknüpfungspunkte für eine Viable World, mit vielen positiven und negativen Beispielen über den kritischen Zustand der Welt und Wege zu seiner nachhaltigen Transformation.

So heißt es in dem Bericht, dass im Angesicht der grausigen Gefahren es nicht akzeptabel ist, dass Selbstsucht und Gier weiterhin positive soziale Bewertungen als angebliche Treiber des Fortschritts genießen. Fortschritt könne sehr wohl auch in einer Zivilisation gedeihen, die Solidarität, Demut und Respekt für Mutter Erde und künftige Generationen verlangt. Zu den Werten der Gemeinwohlökonomie gehören Menschenwürde, Solidarität, Ökologische Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Demokratie (Transparenz und Partizipation). Eine neue Erzählung würde erläutern, wie man innerhalb ökologischer Grenzen ein blühendes Leben und universelles Wohlbefinden erreicht, das die Grundbedürfnisse aller Menschen erfüllt, eine ausreichende Gleichheit gewährleistet, um die soziale Stabilität aufrechtzuerhalten und die Grundlage für echte Sicherheit schafft.

In eine ähnliche Richtung argumentierte Papst Franziskus 2015 in der Enzyklika: „Laudato si‘. Über die Sorge für das gemeinsame Haus“, die explizit Sicherheit und Solidarität im gemeinsamen Haus der Erde thematisiert. Einige Zitate sind hier bemerkenswert:

  • 105. Man neigt zu der Ansicht, „jede Zunahme an Macht sei einfachhin »Fortschritt«; Erhöhung von Sicherheit, Nutzen, Wohlfahrt, Lebenskraft, Wertsättigung“, als gingen die Wirklichkeit, das Gute und die Wahrheit spontan aus der technologischen und wirtschaftlichen Macht selbst hervor…
  • 157. Schließlich erfordert das Gemeinwohl den sozialen Frieden, d.h. die Stabilität und die Sicherheit einer bestimmten Ordnung, die ohne eine spezielle Aufmerksamkeit gegenüber der distributiven Gerechtigkeit nicht zu verwirklichen ist, denn die Verletzung dieser Gerechtigkeit erzeugt immer Gewalt.
  • 158. In der gegenwärtigen Situation der globalen Gesellschaft, in der es so viel soziale Ungerechtigkeit gibt und immer mehr Menschen ausgeschlossen und ihrer grundlegenden Menschenrechte beraubt werden, verwandelt sich das Prinzip des Gemeinwohls als logische und unvermeidliche Konsequenz unmittelbar in einen Appell zur Solidarität und in eine vorrangige Option für die Ärmsten.
  • 159. Der Begriff des Gemeinwohls bezieht auch die zukünftigen Generationen mit ein. Die internationalen Wirtschaftskrisen haben in aller Härte die schädlichen Auswirkungen gezeigt, welche die Verkennung eines gemeinsamen Schicksals mit sich bringt, aus dem jene, die nach uns kommen, nicht ausgeschlossen werden können. Ohne eine Solidarität zwischen den Generationen kann von nachhaltiger Entwicklung keine Rede mehr sein.

Dazu passt auch die am 18. Juli 2020 geäußerte Kritik von UNO-Generalsekretär Antonio Guterres an der heutigen Weltordnung und die Forderung nach einem neuen globalen Abkommen, um Macht, Reichtum und Chancen gerechter zu verteilen. Er kritisierte, dass sich die Nationen bislang geweigert hätten, über Reformen internationaler Institutionen nachzudenken. Beim Kampf um die globale Vorherrschaft der Großmächte würden diese bei den größten Herausforderungen und Konflikten der Gegenwart oftmals nicht zu gemeinsamen Lösungen kommen. Solche Aussagen erinnern stark an die den Konzepten von Viable World und Cohabitation zugrundeliegenden Analysen und Vorschläge.

Letztlich werden theoretische Überlegungen und Vorschläge allein nicht die Welt verändern. Sie müssen von den Menschen angenommen und implementiert werden. Durch die verdienstvollen Aktivitäten der schwedischen Schülerin Greta Thunberg und die erstaunliche Resonanz vieler SchülerInnen in vielen Staaten der Erde ist die Bewältigung des menschengemachten Anstiegs der Temperaturen in das öffentliche Bewusstsein von Öffentlichkeit und Politik in manchen Staaten geraten. In Deutschland streiten die Parteien heute intensiv darum, welche Maßnahmen Aussicht haben, das in Paris vereinbarte Ziel einer notwendigen Reduzierung des CO2-Ausstoßes zu erreichen. Wie dargelegt, ist aber der Klimawandel nur eines der Problemfelder, welche die Überlebensfähigkeit der Erde beeinträchtigen. Was beim Klimawandel seit den Beschlüssen von Paris offenkundig ist, gilt auch für die anderen Aufgaben: Sie können nur global gelöst werden und erfordern gemeinsame, aufeinander abgestimmte Maßnahmen aller UNO-Staaten, die auch auf der nationalen und lokalen Ebene umgesetzt werden müssen.

Literatur

  • Bartosch, Ulrich; Gansczyk, Klaudius (Hrsg.) (2009) Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert. LIT Verlag, Hamburg (3. Auflage).
  • Beck, Ulrich (2010) Nachrichten aus der Weltinnenpolitik. Suhrkamp, Berlin.
  • Böll, Heinrich (1976) Brokdorf und Wyhl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.1976.
  • BUND / MISEREOR (Hrsg.) (1996) Zukunftsfähiges Deutschland – Bei-trag zu einer global nachhaltigen Entwicklung, Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie GmbH, Birkhäuser Verlag, Basel u.a.
  • Franziskus, Papst (2015) Laudato si – Enzyklika über die Sorge für das gemeinsame Haus. Hrsg. Vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn.
  • Gansczyk, Klaudius (Hrsg.) (2015) Engagiert Euch: Weltinnenpolitik für das 21. Jahrhundert. LIT Verlag, Hamburg.
  • Gorbatschow, Michail (2003) Mein Manifest für die Erde: Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft. Campus-Verlag.
  • Grober, Ulrich (2010) Die Entdeckung der Nachhaltigkeit, Kulturgeschichte eines Begriffs, Kunstmann, München.
  • Guterres, Antonio (2020) Guterres will neue internationale Ordnung. Deutsche Welle, 18.7.2020. https://www.dw.com/de/guterres-will-neue-internationale-ordnung/a-54228409.
  • Knies, Gerhard (2016) Viable World – Konzeptpapier des Viable World Design Networks für ein Modell einer machbaren lebensfähigen Welt für 11 Mrd. Menschen und Eisbären. Unveröffentlichtes Manuskript.
  • Knies, Gerhard (2017) Cohabitania: vom Kampfplatz zum Lebensraum durch globale Cohabitation der Nationalstaaten. Viable World Design Network, Flyer-Version 2017-07-01.
  • Kraus, Karl (1933) Die dritte Walpurgisnacht. Wien.
  • Meadows, Dennis (1972) Die Grenzen des Wachstums – Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. DVA: Stuttgart.
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  • Scheffran, Jürgen (2016) From a Climate of Complexity to Sustainable Peace: Viability Transformations and Adaptive Governance in the Anthropocene. In: Brauch, Hans Günter; Oswald Spring, Úrsula; Grin, John, Scheffran, Jürgen (Hrsg.): Handbook on Sustainability Transition and Sustainable Peace. Cham: Springer, S. 305–347.
  • Scheffran, Jürgen (2020) Das Anthropozän und seine Grenzen: Überlegungen zu Klimawandel, Nachhaltigkeit und Coronakrise. In: Adloff, Frank; Neckel, Sighard (Hrsg.) (2020) Gesellschaftstheorie im Anthropozän. Campus-Verlag, S. 257-279 (im Druck).
  • Weber, Max (1959) Politik als Beruf. Rede 1919 vor den Studenten der Universität München. In: Reden, die die Welt bewegten. Stuttgart u.a. (Europäischer Buchklub), S. 255 – 267.
  • Wackernagel, Mathis; Beyers, Bert (2016) Footprint – Die Welt neu vermessen. CEP Europäische Verlagsanstalt: Hamburg (2. Auflage).
  • Von Weizsäcker, Carl Friedrich (1963) Bedingungen des Friedens. Dankesrede für die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 13.10.1963. Abgedruckt in: Der bedrohte Friede. Politische Aufsätze 1945-1981, Hanser, München o.J. S. 125-137.
  • Von Weizsäcker, Ernst Ulrich (1990) Erdpolitik – Ökologische Realpolitik an der Schwelle zum Jahrhundert der Umwelt. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt (2. Auflage).
  • Von Weizsäcker, Ernst Ulrich; Wijkmann, Anders (2017) Wir sind dran – was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Bericht an den Club of Rome, Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh.
  • Wulf, Andrea (2016) Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Bertelsmann, München 206.

Autorenangaben

Jürgen Scheffran ist Professor für Geographie und Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit im Klima-Exzellenzcluster und am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg. Nach dem Physikstudium arbeitete er in interdisziplinären Forschungsgruppen der Umwelt- und Friedenswissenschaft, in der VDW und weiteren Vereinen.

Eberhard Schürmann ist promovierter Jurist und Rechtsanwalt. Er war von 1985 bis 2012 Vorsitzender des Vorstands der Loki-Schmidt-Stiftung und bis 2019 Aufsichtsratsmitglied der Christoffel-Blinden-Mission. Als Gründungsmitglied des Viable World Design Network e.V. war er seit 2018 Nachfolger von Gerhard Knies als Vorsitzender dieses Vereins.

->Quelle: blickpunkt-zukunft.com/BZ69.pdf