von Gerhard Reid

Bau eines Windgenerators in der Lausitz – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft
Ich habe mir kürzlich eine Präsentation angesehen, die die durchschnittlichen Strompreise für Industrie- und Gewerbekunden in ganz Europa zeigte. Die Länder mit den niedrigsten Kosten waren Schweden und Finnland, während das Vereinigte Königreich die höchsten Preise aufwies. Die Preise im Vereinigten Königreich lagen etwa dreimal so hoch wie in den nordischen Ländern, und die Schlussfolgerung war unvermeidlich: Wenn diese Kluft bestehen bleibt, wird das Vereinigte Königreich in den nächsten zehn Jahren nicht nur deindustrialisieren, sondern es ist auch unwahrscheinlich, dass es in Zukunft neue Industrie anziehen wird. Meine Gedanken wandten sich dann Deutschland zu, wo die Industrieproduktion immer noch fast 10 % unter dem Niveau vor der Corona-Pandemie liegt und die Auslastung im Chemiesektor auf dem niedrigsten Stand seit mehr als 30 Jahren ist. Das sind keine kleinen Warnsignale, sondern große, grell leuchtende rote Warnlichter aus den beiden Ländern, die an der Wende zum 20. Jahrhundert die industrielle Revolution angeführt haben. Die Realität ist einfach: Energie, insbesondere Gas, ist zu teuer, als dass Europa international wettbewerbsfähig sein könnte, und daran wird sich angesichts des anhaltenden Krieges in der Ukraine und der eskalierenden Spannungen am Golf wohl so schnell nichts ändern.
Es gibt jedoch eine Alternative, nämlich das Energiesystem so weit wie möglich zu elektrifizieren und gleichzeitig die Industrie durch Digitalisierung und den Einsatz von KI zu modernisieren. Das Gute an dieser Elektrifizierung ist, dass Strom lokal erzeugt werden kann, was die Abhängigkeit und die geopolitischen Risiken im Zusammenhang mit der Förderung und dem Transport von Öl und Gas verringert. Doch das wirft die unangenehme Frage auf: Wer wird in die Elektrifizierung investieren, wenn die Strompreise hoch und volatil sind, wie es derzeit in Großbritannien, Deutschland und weiten Teilen Europas der Fall ist? Dies wiederum wirft die Frage auf, wie diese Preise gesenkt werden können. Hier sind einige Ideen, um Debatten anzuregen und Fortschritte zu erzielen!
Erstens: Schluss mit der Dummheit, die mit dem Plan der deutschen Regierung beginnt, zahlreiche neue Gaskraftwerke zu bauen, die bis 2045 auf Wasserstoff umgestellt werden sollen. Das bedeutet, dass Deutschland faktisch vorschlägt, eine neue Flotte von Kraftwerken zu subventionieren, die in einem Markt betrieben würden, der nach wie vor stark von importiertem Gas und hoher Preisvolatilität abhängig ist, und dann darauf zu hoffen, dass eines Tages billiger Wasserstoff verfügbar sein wird, damit sich das wirtschaftlich rechnet. Hoffnung ist keine Strategie, und darüber hinaus würde das Ergebnis darin bestehen, die deutschen Verbraucher für die kommenden Jahre an hohe Strompreise zu binden, was wirtschaftlicher Selbstmord sein könnte. Die bessere Antwort ist nicht „keine Reserve“, sondern eine intelligentere Reserve, was bessere Netze, mehr Verbund innerhalb Deutschlands und mit seinen Nachbarn, viel Speicherplatz sowie eine größere Nachfragflexibilität und eine viel intelligentere Marktgestaltung bedeutet, damit Deutschland von vornherein weniger Gas benötigt.
Zweitens müssen wir aufhören, die Schwankungen bei den erneuerbaren Energien als Problem zu betrachten, und anfangen, sie als Merkmal eines kostengünstigen Stromsystems des 21. Jahrhunderts zu nutzen. Wenn reichlich Wind- und Sonnenenergie zur Verfügung steht, sollte Strom sehr günstig sein, und das sollte die Nachfrage im gesamten System ankurbeln. Die praktische Lösung besteht darin, die dynamische Preisgestaltung viel weiter voranzutreiben, damit alle Kunden Niedrigpreisphasen tatsächlich erkennen und darauf reagieren können. Das Laden von Elektrofahrzeugen, Wärmepumpen, Warmwassersysteme, Kühlung und viele industrielle Prozesse lassen sich zeitlich verschieben. Europa sollte zudem den Ausbau von Energiespeicherlösungen wie Batterien und intelligenten Energiemanagementsystemen fördern, damit überschüssiger Strom für die spätere Nutzung gespeichert statt gedrosselt wird.
Drittens müssen wir in die Modernisierung des Stromnetzes investieren, was nicht einfach nur bedeutet, „mehr Netz zu bauen“. Stattdessen muss der Fokus darauf liegen, das vorhandene System effizienter und kostengünstiger zu nutzen. Das bedeutet in erster Linie Investitionen in Digitalisierung und drahtlose Lösungen wie Batterien und fortschrittliche Leistungselektronik, die schnell einsetzbar sind. Europa braucht zudem stärkere und widerstandsfähigere Netze sowie mehr Verbundnetze, was eine Beschleunigung der Genehmigungsverfahren für neue Übertragungsleitungen, die Modernisierung der Verteilernetze für Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen, die schnellere Anbindung weiterer erneuerbarer Erzeuger sowie den Einsatz digitaler Tools zur Echtzeit-Steuerung des Systems erfordert. Damit dies geschehen kann, müssen die Anreizstrukturen für Netzbetreiber und das Netzmanagement geändert werden. Schließlich sollte ein klarer Schwerpunkt auf dem Austausch bewährter Verfahren in ganz Europa und dem gegenseitigen Vergleich der Betreiber liegen.
Viertens müssen wir die Gestaltung des Strommarktes und die Preisbildung verbessern. Wir können nicht an einem System festhalten, in dem teures Gas den Preis für alle bestimmt, selbst wenn der Großteil des Stroms wesentlich kostengünstiger erzeugt wird. Konkret sollte Europa nach Wegen suchen, kostengünstige erneuerbare Energien und Kernkraft von teuren fossilen Reservekapazitäten zu trennen, langfristige Verträge wie Stromabnahmeverträge (PPAs) und Differenzkontrakte auszuweiten sowie Flexibilität und Speicherung angemessen zu vergüten.
Die Verbraucher sollten zudem in der Lage sein, direkter von Phasen mit günstigen Strompreisen zu profitieren, anstatt dass alles in hohen Endverbraucherpreisen gemittelt wird. Außerdem muss viel strenger geprüft werden, wie die Knappheitspreisbildung auf den Gas- und Strommärkten funktioniert, denn wenn die teuerste Einheit den Preis für alle anderen bestimmt, liegt der Anreiz, das System auszunutzen, auf der Hand.
Fünftens müssen wir die Anreize für die Elektrifizierung aufeinander abstimmen. Hier darf die Politik keine widersprüchlichen Signale mehr senden. Europa sollte Steuern und Abgaben von den Stromrechnungen streichen und einen größeren Teil dieser Kosten entweder in die allgemeine Besteuerung oder auf fossile Brennstoffe verlagern. Es sollte die Tarife so umgestalten, dass strategische Industrien wie Chemie, Stahl, Aluminium, Halbleiter und andere kritische Fertigungszweige Zugang zu global wettbewerbsfähigem Strom erhalten, insbesondere wenn sie bereit sind, Nachfragerflexibilität zu bieten oder in die Elektrifizierung zu investieren. Gleichzeitig sollten Regierungen den Unternehmen klare langfristige Signale geben, dass die Elektrifizierung durch Steuergutschriften, beschleunigte Abschreibungen, Zuschüsse und günstige Finanzierungen unterstützt wird. Wenn ein Unternehmen einen Ofen elektrifizieren, auf Wärmepumpen umsteigen, Speicher installieren oder seine Fahrzeugflotte auf Elektroantrieb umstellen möchte, sollte der Förderrahmen diese Entscheidung erleichtern, nicht erschweren.
Schließlich müssen wir kostengünstiges Kapital in großem Umfang bereitstellen. Die Strominfrastruktur ist kapitalintensiv, aber berechenbar, was sie ideal für eine kostengünstige Finanzierung durch multilaterale Institutionen wie die EIB, nationale Entwicklungsbanken und Infrastrukturfonds macht. Der praktische Schritt besteht darin, Netze, Speicher, Kernkraft, erneuerbare Energien und Elektrifizierungsinfrastruktur als strategische Vermögenswerte zu behandeln und entsprechend zu finanzieren. Regierungen und öffentliche Banken können Garantien, Mischfinanzierungen, konzessionäre Darlehen und Bonitätsverbesserungen bereitstellen, um die Finanzierungskosten zu senken. Europa könnte zudem spezielle Elektrifizierungsfonds für Industrie, Verkehr und Heizung einrichten, damit Unternehmen günstige Kredite aufnehmen können, um von fossilen Brennstoffen wegzukommen.
Führt man all dies zusammen, ergibt sich ein ganz anderes Bild von Europas Zukunft – eine Zukunft, in der Energie kein Hemmnis, sondern ein Wettbewerbsvorteil ist. In dieser neuen Welt verlagert die Industrie ihre Standorte nicht wegen Subventionen, sondern weil Strom günstig und reichlich vorhanden ist, und Haushalte profitieren von niedrigeren Rechnungen nicht durch Subventionen, sondern durch die Struktur des Systems selbst. Gleichzeitig befreien wir uns von den Risiken der Abhängigkeit von Importen fossiler Brennstoffe.
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