Wüsten-Wasserstoff: Neuer Anlauf mit Desertec 3.0

10 Jahre Dii Desert Energy – Jahrestagung mit Ghorfa in Berlin

Der Palaissaal des Berliner Adlon-Hotels war bis auf den letzten Platz besetzt, es mussten gar zusätzliche Stühle geholt werden, als Dii-Geschäftsführer Paul van Son am 25.11.2019 die 250 Gäste der „Energy-Transition in the Arab World„-Konferenz (Energiewende in der arabischen Welt) begrüßte. Die oft – zu Unrecht – totgesagte Dii-Desert-Energy, vor 10 Jahren als „Desertec Industrial Initative“ unter großem Medien-Hype gegründet (siehe solarify.eu/10-jahre-desertec), feierte gemeinsam mit der Ghorfa (arabisch-deutsche Handelskammer) 10jähriges Bestehen und gleich lange Zusammenarbeit.

Das Programm versprach, „die ganzheitliche Vision der Energiewende“ hervorzuheben und „auf die praktischen Aspekte der Märkte für Erneuerbare Energien, Energiespeicherung, Übertragung und flexible Nachfrage einzugehen“. Damals, bei der Gründung in München, sei „Desertec“ als die Firma mit dem „Wüstenstrom für Europa“ verstanden worden. Heute steht die Dii Desert Energy eigenen Angaben zufolge „für saubere Energie und Arbeitsplätze für die Menschen in der Region und dafür, ein Nettoexporteur von ‚grünen Elektronen und Molekülen‘ (z.B. Strom und Wasserstoff) zu werden.“

In einer vorangegangenen Pressekonferenz erläuterten Reinhold Achatz, CTO thyssenkrupp (re.), Thomas Altmann, Acwa Power (li.) und Mustapha Bakkoury, MASEN (marokkanische Solarenergieagentur, 2.v.li.) das neue Konzept gemeinsam mit Ghorfa-Chef Peter Ramsauer (2.v.li.) und Paul van Son. Achatz zeigte sich für seinen Stahlkonzern, seit zwei Jahren Assoziierter Partner der Dii, hoch interessiert daran: „thyssenkrupp ist aus zwei Gründen bei der Dii: Erstens haben wir uns zum Ziel gesetzt, bis 2050 CO2-neutral zu werden; Kohle durch Wasserstoff zu ersetzen ist extrem ehrgeizig für ein Stahlunternehmen – den Wasserstoff können wir nicht in Deutschland herstellen, das müssen wir dort tun, wo genügend Erneuerbare Energien zur Verfügung stehen. Zweitens wollen wir dort bald konkrete Projekte mit robuster Wasserelektrolyse implementieren.“ Das Ganze fern jedes neokolonialistischen Ansatzes (wie er damals der Dii zunächst gelegentlich unterstellt worden war). Heute handle es sich um eine „Win-Win-Win-Sensation“.

Dank stark gesunkener Kosten von Solar- und Windstrom wollen europäische und arabische Unternehmen gemeinsam mit den Mena-Staaten einen interkontinentalen Handel mit erneuerbaren Energien beginnen. Eine Schlüsselrolle dabei sollen Anlagen zur Meerwasser-Entsalzung spielen (denn Marokko leidet eher unter Wasserknappheit). Darin ist die saudi-arabische Acwa Power Spezialistin. Ihr Technikchef Thomas Altmann hob hervor, sein Unternehmen, fast von Beginn an Dii-Gesellschafter, habe früh erkannt, dass die Preise für Erneuerbare auf dem Weg zur Konkurrenzfähigkeit mit den Fossilen waren. Die Entsalzung mit Grünstrom erzeuge natürlich einen viel kleineren CO2-Fußabdruck; „wir sind auf gutem Wege Richtung Hybridisation und Speicherung“, so Altmann. Der saudische Kraftwerksentwickler hat die Bedeutung der Entsalzung in Verbindung mit Erneuerbaren („ein großes Thema für uns“) früh erkannt: „Es geht darum, Strom und Süßwasser zu niedrigeren Kosten zu liefern“. Dank des billigen Erneuerbaren-Stroms könnten nun auch die Länder Entsalzungsanlagen betreiben, die sich das bisher nicht hätten leisten können.

„Desertec 3.0“, so Dii-Gründungsgeschäftsführer Son, will von Anfang an auch den wachsenden Energiebedarf der Erzeugungsländer einplanen. MASEN-Präsident Mustapha Bakkoury, dessen Organisation eben als Partner bei der neuen Dii eingestiegen ist: „Wir wissen in Marokko, was Klimawandel bedeutet – und wir müssen schnell handeln: Daher dürfen wir nicht auf des Ende der Energiewende warten, sondern müssen eine ‚Wende innerhalb der Wende‘ anstoßen.“ Er erwarte für des kühne Unterfangen eine Zusammenarbeit des öffentlichen wie des privaten Sektors – es sei keineswegs eine rein technische Angelegenheit, deshalb seien eine Kooperation in größerem Maßstab und eine langfristige Vision erforderlich. „Warum nicht Destertec 4.0?“ fragte Bakkoury.

MASEN hatte (mit der KfW) wesentlichen Anteil am Bau des riesigen solarthermischen und Photovoltaik-Kraftwerks Noor Ouarzazate, Vorzeigeprojekt in Sachen erneuerbare Energien. Jetzt sieht Bakkoury neue Herausforderungen („wir müssen die Flexibilität des Energiesystems erhöhen“) Marokko wolle in die (grüne) Wasserstoff-Produktion einsteigen: „Wir werden in sehr naher Zukunft Wasserstoff haben“, Marokko biete alle Voraussetzungen dafür und habe starke Partner wie Deutschland. Allerdings setze die begrenzten Wasser- und Grundwasservorräte der gleichnamigen Elektrolyse Grenzen: Also müsse man Meerwasser mit dem inzwischen billigen Grünstrom entsalzen.

„1,7 $-Cent pro kWh sind noch nicht das Ende“

Altmann zu den stark gefallenen EE-Kosten (nicht nur in MENA): „Noch im Jahr 2015 hat uns niemand geglaubt, dass fünf Cent pro Kilowattstunde möglich sind, zwei Jahre später waren wir schon bei drei Cent“, die letzte Ausschreibung in der Region habe weniger als 1,7 ct/kWh ergeben, das sei noch nicht das Ende, zitierte Christoph Schaudwet Altmann im Tagesspiegel Background: Acwa Power, fast von Anfang an Dii-Gesellschafter, sei „absolut entschlossen“, die Dii bei „Desertec 3.0“ zu unterstützen.

Energiestaatssekretär Andreas Feicht unterstrich laut Schaudwet „das deutsche Interesse an grünem Wasserstoff aus der Mena-Region und kündigte einen gemeinsamen Energiegipfel mit den Vereinigten Arabischen Emiraten im kommenden Jahr sowie einen deutsch-algerischen Energietag an“.

Erneuerbare Energien nachgerechnet, dass „nach Berechnungen der Dii Solarkraftwerke mit einer Gesamtleistung von nahezu 2.200 Gigawatt errichtet werden. Dazu müssten noch 500 GW Windkraft kommen. Die Voraussetzung hier ist, das in Europa selbst 2.000 GW Photovoltaikleistung und etwa 1.300 GW Windkraftleistung bis 2050 installiert sind, damit die Versorgung aus Erneuerbaren gesichert sei. Außerdem müssten noch 3.400 GW Elektrolyse- und 500 GW Brennstoffzellenleistung gebaut werden. Letztere dienen dazu, den grünen Wasserstoff teilweise wieder zurückzuverstromen. Ob sich die Dii damit nicht überhebt, wird sich zeigen. Denn bisher steht nur wenig Erzeugungskapazität im nordafrikanischen Wüstensand. Zudem hat Europa den Aufbau eigener üppiger Erzeugungskapazitäten im Blick, was die Transportherausforderungen minimiert.“

Die Konferenz wurde unter Mitwirkung der Agentur Zukunft organisiert.

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