Klimaskepsis, Fake News und Rechtspopulismus sind eine braune Sauce

Energiewende und Divestment müssen den Fossil-Riesen den Grund entziehen

Der Begriff „Alternative Fakten“ ist am 16.01.2018 aus 684 Vorschlägen zum Unwort des Jahres 2017 ausgewählt worden – er sei „der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen“, so die Jury. Der Ausdruck stehe „für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen“, bzw. wie im Fall von „Shuttle Service“ im Zusammenhang mit Seenotrettungseinsätzen von Nichtregierungsorganisationen im Mittelmeer, wo der Ausdruck „stellvertretend für Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch steht, die Grenzen des Sagbaren in eine menschenverachtende, polemisch-zynische Richtung zu verschieben“. Die Zeit-Autoren Maximilian Probst und Daniel Pelletier stellten in ihrem Artikel „Fake-News: Krieg gegen die Wahrheit“ (Die Zeit Nr. 51, 2017) vor kurzem einleuchtend dar, dass Rechtspopulisten Fake-News nicht erfunden haben, weder den Begriff (Webster’s Dictionary zufolge geht der Begriff auf das Jahr 1890 zurück) noch den taktischen Umgang damit. Denn  bereits seit mehreren Jahrzehnten organisierten Energiekonzerne und konservative Medien Desinformationskampagnen, um Zweifel am menschengemachten Klimawandel zu säen. Die Gegenmittel sind Energiewende, Divestment und Kreislaufwirtschaft. Solarify zitiert ausführlich und ergänzt mit eigenen Informationen.

Großangelegte Desinformation über Jahrzehnte

So zeigte bereits im Oktober 2015 eine Untersuchung des Pulitzerpreis-Gewinners Inside Climate News, dass ExxonMobil die wissenschaftlichen Erkenntnisse lange, bevor sie zu einem öffentlichen Thema wurden, verstanden hatte und Millionen ausgab, um Fehlinformationen (Fake News) zu fördern, schrieb Shannon Hall vor zweieinviertel Jahren im Scientific American. Exxons Wissen über den Klimawandel stammt aus dem Juli 1977. Bereits elf Jahre, bevor der Klimawandel zum Thema wurde, war der Ölriese informiert. Trotz dieses unbestreitbaren Wissens weigerte sich das heute weltweit größte Öl- und Gasunternehmen Jahrzehnte hindurch, den Klimawandel öffentlich anzuerkennen – im Gegenteil: ExxonMobil förderte Klima-Desinformationskampagnen, und gründete beispielsweise eine Unzahl von scheinbar seriösen Instituten. (Ein Vorgehen, das viele mit den verbreiteten Lügen der Tabakindustrie in Bezug auf die Gesundheitsrisiken des Rauchens vergleichen. Beide Branchen waren sich bewusst, dass ihre Produkte nicht profitabel bleiben würden, wenn die Weltöffentlichkeit einmal die Risiken verstanden hätte – so sehr, dass sie die gleichen Berater nutzten, um Kommunikationsstrategien für den Umgang mit der Öffentlichkeit zu entwickeln.) Exxon sagte 1981 in einem „CO2-Positionspapier“ voraus, dass die erwartete Verdopplung der CO2-Konzentration in den nächsten hundert Jahren zu einem globalen Temperaturanstieg von drei Grad Celsius führen werde.

Experten zeigen sich jedoch nicht sonderlich überrascht. „Es war noch nie plausibel, dass sie die Wissenschaft nicht verstehen sollten“, sagte Naomi Oreskes, Professorin für Wissenschaftsgeschichte an der Harvard University, damals. Denn Exxon habe nicht die Wissenschaft falsch verstanden, sondern sich aktiv mit ihr beschäftigt; daraufhin habe Exxon in den 70er und 80er Jahren Top-Wissenschaftler beauftragt, um die Angelegenheit zu prüfen und startete ein eigenes ehrgeiziges Forschungsprogramm, das empirisch Kohlendioxid untersuchte und aufwändige Klimamodelle konstruierte. Mehr als eine Million Dollar wurde in ein Tankerprojekt gesteckt, das herausbringen sollte, wie viel CO2 von den Ozeanen absorbiert wird. Das war eine der größten wissenschaftlichen Fragen der Zeit, was bedeutet, das Exxon wirklich beispiellose Forschungsvorhaben zum Thema unternommen hat.

“Merchants of Doubt” (deutsch: „Die Machiavellis der Wissenschaft“ – siehe: solarify.eu/die-machiavellis-der-wissenschaft) von Naomi Oreskes und Erik M. Conway  belegte dann, wie einige Wissenschaftler im Interesse der Wirtschaft für die Öffentlichkeit den Anschein erwecken, als gäbe es wissenschaftliche Differenzen über bereits entschiedene Fragen. Die Motive: Geld und Wichtigtuerei, und, dass man politisch oder religiös einem Standpunkt verbunden ist; man kann mit einer Außenseitermeinung erhöhte Aufmerksamkeit und Zuspruch einer eigenen Anhängerschaft genießen – oder, man kann sich einfach in eine Ansicht verrannt haben und davon nicht mehr loskommen. (Aus: globalklima.blogspot.de im Artikel über das amerikanische Original „Merchants of Doubt“ auf solarify.eu/haendler-des-zweifels)

In erster Linie sollen Zweifel an den Ursachen des anthropogenen Klimawandels geweckt werden. Eingeräumt wird, dass es zwar eine globale Erwärmung gibt, aber widerstreitende Theorien darüber, was die Ursachen sein könnten. Oder, dass die globalen Zeitreihen Fehler enthalten, die ihre Aussagekraft einschränken. Dass man Modellen nicht vertrauen könne und noch abwarten müsse, bis sie besser seien. Dass viele Detailfragen bei den Rückkopplungen unklar seien und erst noch gelöst werden müssten und bis dahin die Klimaempfindlichkeit doch Spekulation sei.

Der Sinn dieser Taktik ist, Zeit zu gewinnen. Es geht nicht darum, die andere Seite zu überzeugen. Sondern Politik und Öffentlichkeit sollen den Eindruck haben, dass es noch zu früh sei, sich mit einer Entscheidung festzulegen. Dieser Zeitgewinn ist dann genau der Gewinn der interessierten Unternehmen, die diese Think Tanks finanziell unterstützen. Ein weiterreichendes Ziel ist aber, überhaupt die wissenschaftlichen Grundlagen für Umwelt- und Gesundheitsschutz zu unterminieren, indem man generell Wissenschaftler in diesen Bereichen unglaubwürdig macht.

Zusammentreffen von Rechtspopulismus und Klimaskepsis kein Zufall

Probst und Pelletier (PP – Die Zeit) fragen nun, ob Trump und Klimaskepsis – also das zeitliche Zusammentreffen des weltweit erstarkenden Rechtspopulismus und die Zweifel an der zunehmenden Erderwärmung – Zufall seien und verneinen das – obwohl sie „bisher kaum zusammen gelesen“ würden. Denn in Wirklichkeit seien „das globale Versagen, Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe zu ergreifen, und der erstarkende Rechtsnationalismus zwei Seiten derselben Medaille“. Der seit Jahren um den Klimawandel ablaufende Informationskrieg sei nur so zu verstehen. Ein Krieg, der in Amerika mit den Desinformationskampagnen begonnen habe, die den anthropogenen Ursprung des Klimawandels bestritten (PP: „Seinen vorläufigen Höhepunkt fand er mit den russischen Fake-News-Kampagnen zugunsten Donald Trumps im amerikanischen Wahlkampf“), ein Krieg gegen die demokratische Öffentlichkeit und deren konstitutiven Glauben an die rationale Diskussion.

2013 musste sich die FDP scharfe Kritik anhören: Obwohl das bisherige neoliberale Wirtschaftsmodell „direkt in die Klimakatastrophe“ führe, gebe es ein Interesse, „den ganzen Klimawandel als Unsinn, Schwindel oder kommunistische Verschwörung zu verteufeln.“ Eine australische Studie in „Psychological Science“ („Die NASA hat die Mondlandung vorgetäuscht – daher ist (Klima-)Wissenschaft ein Schwindel – eine Anatomie der motivierten Ablehnung von Wissenschaften, von Stephan Lewandowsky, Klaus Oberauer, Gilles E. Gignac, Gilles E. Gignac.“) belegte damals schon, dass das Phänomen Klimawandel-Leugnung häufiger bei Vertretern neoliberaler Überzeugungen auftritt. Daran hat sich bis heute nichts geändert – siehe die junge FDP mit Christian Lindner.

Um zu erklären, wie der  Boden für die Manipulation bereitet wurde, gehen die Zeit-Autoren weit zurück: In den siebziger Jahren sei die alte Industriegesellschaft von der Kommunikationsgesellschaft abgelöst worden; mehr und mehr habe Wertschöpfung auf Produktion, Austausch und Auswertung von Information und Wissen beruht. Die Folge: Die alten, historisch gewachsenen Bindungen hätten sich aufgelöst. „Das vormals durch die Fabrik, Gewerkschaften, Vereine und Parteien in die Gesellschaft eingegliederte Individuum muss nun selbst sehen, wie es inmitten der anschwellenden Informationsflut neue Bindungen aufbaut.“ Massenmedien seien aber nicht nur Transporteure von Informationen sondern mehr und mehr „Umgebungen, in denen wir leben“. Wer beeinflussen wolle, müsse die Medienumgebung „verändern, im Idealfall: eine Echokammer konstruieren, in der die Vielzahl der Stimmen einen gemeinsamen Ursprung kennen und einen gemeinsamen Inhalt haben. Dann erlangen Informationen, auch wenn sie falsch sind, eine Art Stimmigkeit, die es erlaubt, die psychischen und sozialen Verhaltensweisen des Einzelnen in der Kommunikationsgesellschaft weitreichend zu manipulieren.“

Warum nichts gegen die Erderwärmung geschah

Obwohl sich Politiker und Wissenschaftler im Rahmen der Weltklimakonferenz 1988 in Toronto alarmiert zeigten, obwohl „die Notwendigkeit sofortiger politischer Entscheidungen“ festgestellt wurde, obwohl sich im gleichen Jahr das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) gründete, und obwohl sich die Wissenschaft Anfang der neunziger Jahre nahezu einig über die menschengemachte Erderwärmung war (1992 verpflichteten sich die Industrienationen im Rahmen der UNCED in Rio zur Verringerung der Treibhausgase), geschah nichts. „Und dieses Nichts“, so Probst und Pelletier, „diese Untätigkeit angesichts der Erderwärmung, ist der erste große Sieg in einer Schlacht, die sich mittlerweile zu einem 30-jährigen Informationskrieg ausgeweitet hat“ – angezettelt und geführt von den fossilen Großkonzernen, die, obwohl sie seit Jahrzehnten Bescheid wissen (siehe oben!), „sich nicht vom Klimawandel, sondern von den Klimaschutzmaßnahmen zur Reduzierung von CO2-Emissionen“ (PP) bedroht fühlen. Ihr Ziel: den längst in der Bevölkerung herrschenden Konsens über Klimawandel und notwendige Maßnahmen mittels Fake News zu untergraben.

ExxonMobil straffällig?

Bereits seit November 2015 ermittelt der Generalstaatsanwalt von New York, inwieweit der US-Ölkonzern ExxonMobil sich strafbar gemacht hat, weil er die Öffentlichkeit über die Ursachen und Folgen des Klimawandels belogen hat. Kein anderer Konzern hat in dieser Hinsicht so viel Geld so schamlos in den offensichtlich bösartigen Zweck der Desinformation gelenkt wie ExxonMobil. Entscheidend ist aber das glasklare Wissen der Verantwortlichen um das Lügenhafte dieser Tätigkeit, das von den Studien der 70er Jahre belegt wird. Nun verklagt die Stadt New York fünf fossile Unternehmen wegen ihres Beitrags und dessen Vertuschung zur gefährlichen globalen Erwärmung – siehe: solarify.eu/nyt-und-guardian-ny-contra-oel-multis.

Aber selbst wenn ein Gericht die Schuld der Öl-Multis einwandfrei feststellt – ExxonMobil und die anderen sind für mindestens zwei Jahrzehnte Verzögerung im Kampf gegen den Klimawandel verantwortlich – wie das sühnen? Wenn der Konzern mit seinem ganzen Vermögen haften würde (die Summe aller Aktiva betrug 2014 knapp 350 Mrd. Dollar), um wenigstens Promille-Anteile des angerichteten Schadens zu begleichen – was würde das für die Wirtschaft der USA bedeuten?

Exxon hat „Wissenschaftler“ wie Wei-Hock Soon vom Harvard-Smithsonian Astrophysical Observatory von 2005 bis 2010 mit mehr als 300.000 Dollar verdeckt „unterstützt“, um klimaskeptische Forschungen durchzuführen, die als „unabhängig“ deklariert wurden (s. solarify.eu/exxon-bezahlte-klimaleugner). Das Ziel dieses Vorgehens bestand nicht darin, die Klimadebatte zum Verstummen zu bringen; dies schien unmöglich. In einem Strategiepapier („Global Climate Science Communications Plan“) des American Petroleum Institute aus dem Jahr 1998 wurde das Ziel klar benannt: „Der Sieg wird errungen werden, wenn durchschnittliche Bürger ‚wissen‘ (anerkennen), dass es Ungewissheiten in der Klimawissenschaft gibt; wenn die Anerkennung von Ungewissheiten Teil der ‚vorherrschenden Meinung‘ wird.“ („Victory will be achieved when average citizens „understand“ (recognize) uncertainties in climate science; recognition of uncertainties becomes part of the „conventional wisdom.“) Dasselbe sollte bei den Medien und bei Wirtschaftsführern bewirkt werden. Die letzte Zielmarke für die Erringung des Sieges sollte erreicht sein, wenn „jene, die das Kyoto-Protokoll auf der Basis noch bestehender Wissenschaft verteidigen, als wirklichkeitsfremd erscheinen.“ („Those promoting the Kyoto treaty on the basis of extent science appears to be out of touch with reality.“)1 Im American Petroleum Institute arbeitete Exxon mit den anderen großen Erdölkonzernen zusammen. Im Oktober 2015 brachten zwei Reportagen, die unabhängig voneinander und mit unterschiedlichen Archivquellen arbeiteten, diesen Skandal ans Licht (s. solarify.eu/exxon-wusste-schon-vor-fast-40-jahren-vom-klimawandel). Unter anderem hatten Studenten der Columbia Journalism School mit der Los Angeles Times zusammengearbeitet, um zwei der von ExxonMobil unterdrückten Studien dem Vergessen zu entreißen. Wie hat Exxon darauf reagiert? Der Konzern schwärzte die Studenten in einem Brief an die Leitung der Schule an. Sie hätten „ungenaue und irreführende Artikel“ produziert. In diesem Brief wies Exxon auch auf die “zahlreichen und produktiven Beziehungen” hin, die der Konzern mit der Schule habe. Exxon hat fast 220.000 Dollar an die Columbia-Journalistenschule gespendet.

Fake-News-Zar Murdoch – Ausgewogenheit und Opfer der Ethik

Besonders erfolgreich beim Transport von Fake News laut PP. – Das Murdoch-Imperium mit Wall Street Journal und anderen Print-Medien, mit dem TV-Sender Fox News und Dutzenden Kommentatoren aus lokalen Radiostationen hat „die wohl erste Echokammer der modernen Kommunikationsgesellschaft“ (PP) entwickelt – sehr erfolgreich, weil kaum jemand hinter die Machenschaften schaut. Gleichzeitig wird die liberale Öffentlichkeit Opfer ihrer eigenen ethischen Mediengrundsätze (ebenso wie in Deutschland auch): Deren Medien (NYT, Washington Post) lassen die Klimaleugner „ausgewogen“ zu Wort kommen. „Das Ergebnis ist eine katastrophale Verzerrung“ (PP). Oreskes hat unter 928 Fachpublikationen unter dem Schlüsselwort „globale Klimaveränderung“ nicht eine einzige Veröffentlichung gegen den anthropogenen Klimawandel gefunden. In den Zeitungen und im Fernsehen taucht die Klimaskepsis dagegen in einem vergleichbaren Zeitraum in jedem zweiten Beitrag auf.

Probst/Pelletier: „Die Klimaleugner haben einen Keil zwischen Wissenschaft und Medien getrieben, die amerikanische Gesellschaft in der wichtigsten Frage der Gegenwart gespalten. Mit verheerenden Auswirkungen: Die Regierungen von Ronald Reagan und anfangs auch George W. Bush versuchten noch, die internationale Führungsrolle in der Bekämpfung des Klimawandels zu übernehmen. Heute hingegen glauben einer aktuellen Studie des Pew Research Center zufolge weniger als 16 Prozent der Wähler der Republikaner, dass es einen starken wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel gibt. Dieser schon in den neunziger Jahren einsetzende Meinungsumschwung trägt entscheidend dazu bei, dass die USA dem 1998 in Kyoto beschlossenen Klimaabkommen nicht beitreten. Auch der folgende Klimagipfel 2009 in Kopenhagen scheitert. Kurz zuvor hat der Informationskrieg mit ‚Climategate‘ einen neuen Höhepunkt erreicht…. Obwohl unabhängige Untersuchungen der E-Mails keinen Anhaltspunkt für unwissenschaftliches Arbeiten haben feststellen können, geben nach dem vermeintlichen Skandal in Umfragen über 50 Prozent der befragten Amerikaner an, Climategate habe ihr Vertrauen in die Klimawissenschaft erschüttert.“

Aus Klimaschützern werden Öko-Sozialisten – Klimaleugner und Rechtspopulisten

Und jetzt kommt es: Die „ideologische Aufladung des Themas“: Jetzt (nach dem Fall der Mauer) „erkennt ein Teil der Republikaner den neuen Gegner im Innern. Jetzt hieß es: ‚Green is the new red‘.“ Aus Klimaschützern wurden Öko-Sozialisten, mit Überregulierungsfantasien und Weltbeherrschungsutopien. Gegenprogramm: America first! „Schulterschluss der Ölindustrie mit den marktradikalen und rechtsnationalistischen Kräften“, aus denen der ultrakonservative Republikaner-Flügel der Tea Party und schließlich auch Trump hervorgingen.

Probst und Pelletier stellen fest: „Tatsächlich hat der heutige Rechtsnationalismus seine Wurzeln ganz und gar in den Desinformationskampagnen der Klimaleugner. Er nutzt dieselben Strategien und Waffen, die im Kampf gegen Klimaschutzmaßnahmen geschmiedet wurden. Selbst die Akteure sind häufig dieselben. Alles wiederholt sich. Vieles als Farce: Nachdem die Klimaleugner mit der Klimawissenschaft auch gleich das wissenschaftliche Weltbild entsorgt haben und damit die Basis des demokratischen Diskurses, kann man nun behaupten, was man will. Zum Beispiel, dass Obama in Wahrheit ein Muslim sei oder Hillary Clinton einen Kinderporno-Ring betreibe (‚Pizzagate‘). Neu ist allerdings die Ausweitung, Perfektionierung und Intensivierung des Informationskriegs…“

Als Verursacher nennen die Autoren Russlands Aktivitäten und die neuen Massenmedien Facebook und Twitter – entscheidend der nun durch sie mögliche Zugang zum beeinflussbaren Individuum – „für marktradikale, klimaleugnende, rechtsnationlistische Kräfte ein unverhoffter Segen“. Früher gab es Informationsvermittler – jetzt kann die geneigte Öffentlichkeit, das zornige Individuum direkt und ohne Gatekeeper erreichen und für sich einnehmen. Dieser direkte Zugang werde „ideologisch ausgeschlachtet“: die Rechtsnationalisten könnten so online „den Anschein erwecken, dass die traditionellen Medien bloß einer korrupten Elite das Wort redeten, während sie selbst unmittelbarer Ausdruck des Volkswillens seien“. Ausschaltung der traditionellen Medien einerseits, Empfänger von Nachrichten werden zudem gleichzeitig zu Sendern – Ergebnis: „Echokammern in Reinform“, deren Insassen durch Rückkopplung eingespeister Fake-Informationen den Eindruck gewinnen müssen, Teil einer großen Bewegung zu sein. „Geschickt platzierte und durch Computerprogramme multiplizierte Propaganda im Netz beeinflusst das Individuum dort, wo es am empfindlichsten ist – bei seinem Gefühl für soziale Normen, Tabus und Gruppenzugehörigkeit. Für einen Informationskrieg sind das goldene Zeiten: Noch nie war es leichter, Stimmungen zu beeinflussen – und noch nie besaßen Interessengruppen mehr Geld, dies zu tun.“

80 bis 400 Millionen Euro für Klimaleugnungs-Lobbyismus und Rechtsnationalismus

Die fossile Industrie finanziert daher nicht nur die Klimazweifler und deren absurde pseudo-wissenschaftliche Gegenbeweise gegen den Klimawandel , sondern auch den aus ihr entwachsenen Rechtsnationalismus: Allein 2015 gaben Shell und ExxonMobil zusammen mit den großen Öl-Handelsassoziationen mehr als achtzig Millionen Euro für den Klimaleugnungs-Lobbyismus aus – die Koch-Brüder gar 325 Millionen – um klimaskeptische Propaganda und rechtsnationale Meinungen zu verbreiten. „Ihr Gebernetzwerk hatte 2016 ein Budget von sagenhaften 889 Millionen Dollar, um die Republikaner unter anderem mit PR und data-driven technology zu unterstützen. Im Internet existieren Tausende von Propaganda-Websites, Videos und Social-Media-Accounts, die den Klimawandel leugnen und die Wissenschaft in den Schmutz ziehen, meist mit dem Geld der fossilen Industrie.“

Russland fürchtet Klimaschutz – fossile Koalition mit USA

Aber auch Russland mit den größten Kohle-, Öl- und Gasreserven der Welt (fossile Energie macht zwei Drittel des russischen Exports aus) muss Klimaschutzmaßnahmen und fallende Ölpreise fürchten, also ist Russland längst in den Informationskrieg eingetreten.  Amerikanische und russische Interessen harmonieren trotz aller aggressiven Fensterreden auf das Feinste, eine „Art fossiler Koalition, die zum gemeinsamen Jagd auf die liberale Klimabewegung und die Demokratie bläst“. Für Russland sei es ein Kampf mit altbekannten Waffen – zum Beispiel, dass das HI-Virus eine Entwicklung der CIA gewesen sei. Heute – nach einer durch das Ende der alten Sowjet-Union verursachten Pause – habe man aus dem einst netten Russia Today TV einen Kampfkanal gemacht, und die offene Gesellschaft des Westens damit unter Beschuss genommen – nicht immer für alle auf den ersten Blick erkennbar: „2013 überschreitet RT, wie er nun heißt, als erster Informationskanal auf YouTube die Grenze von einer Milliarde Views“.

Das 2011 in Russland unter dem Titel Information-Psychological War Operations: A Short Encyclopedia and Reference Guide (kremlin-hall-of-mirrors-military-information-psychology) für angehende Informationskrieger publizierte Handbuch erläutert, dass Informationswaffen ähnlich einer „unsichtbaren Strahlung“ wirken: „Die Bevölkerung merkt nicht einmal, dass auf sie eingewirkt wird, darum aktiviert der Staat auch nicht seine Mechanismen der Selbstverteidigung.“ PP sagen rückblickend, in diesem Handbuch stecke auch das „Drehbuch der letzten Jahre – und dass erst im US-Wahlkampf und mit dem Sieg Donald Trumps die ‚unsichtbare Strahlung‘ russischer Medienmanipulation erkennbar und in ihrem Ausmaß abschätzbar wird. Laut Mark Warner, dem führenden Demokraten im Geheimdienstausschuss des US-Senats, kämpften nicht weniger als 1.000 bezahlte Internet-Trolle aus russischen Einrichtungen im amerikanischen Wahlkampf und entfachten eine Gegenöffentlichkeit, die es ohne sie nie gegeben hätte. Dabei ist der Vorgang meist simpel: Polarisierende Texte und Bilder werden ins Netz gestellt – zum Beispiel ‚Stop Islamization of Texas‘ –, und dann wird mit oft automatisierten Retweets, Views und Likes suggeriert, dass eine breite Masse der Bevölkerung hinter den Inhalten steht“. 1,4 Millionen Tweets mittels 2.752 menschlich gesteuerter Accounts und 36.000 Bots veröffentlichten russische Propagandisten – auf Facebook und Instagram erreichten ihre Inhalte knapp 150 Millionen Amerikaner. Das Video How 100% of the 2015 Clintons’ charity went to themselves von RT wurde mehr als neun Millionen Mal geklickt – Experten fürchten, das sei „nur die Spitze des Eisbergs“ .

Fossile finanzieren Reaktionäre

Russland habe – so Probst und Pelletier –  „mit denselben Mitteln auch europäische Rechtsnationalisten und Klimaleugner unterstützt und sich in europäische Wahlen eingemischt, vom Brexit bis hin zum Referendum über die katalanische Unabhängigkeit, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Den bislang größten Sieg im Informationskrieg hat das Land natürlich mit dem Hacking der E-Mails von Demokraten im US-Wahlkampf und dem folgenden vermeintlichen Skandal um Hillary Clinton erfochten. Das Muster gaben die 2009 erfolgten Hacks ab, die zu Climategate führten. Die Daten wurden damals zuerst auf einem russischen Server hochgeladen, es war, aller Wahrscheinlichkeit nach, der erste Streich im russischen Informationskrieg.“ Die Machenschaften von Rechten und Klimaleugnern werden von den fossilen Industrien in Russland und den USA finanziert. Der Cyberkrieg ist längst auch in der sogenannten Psychosphäre angekommen – „als Angriff auf die Infrastruktur der Vernunft“. Eine Erscheinungsform: Die Psychometrie:

Psychometrie, manchmal auch Psychografie genannt, ist der wissenschaftliche Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen zu vermessen. In der modernen Psychologie ist dafür die sogenannte OCEAN-Methode zum Standard geworden, die Big Five, nach den englischen Anfangsbuchstaben für Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Jeder Mensch lässt sich demnach mit fünf Zahlen beschreiben, die jeweils Werte zwischen 0 und 100 annehmen können. Anhand dieser Dimensionen kann man relativ genau sagen, mit was für einem Menschen wir es zu tun haben, also welche Bedürfnisse und Ängste er hat, und aber auch, wie er sich tendenziell verhalten wird. Das Problem aber war lange Zeit die Datenbeschaffung, denn zur Bestimmung musste man einen komplizierten, sehr persönlichen Fragebogen ausfüllen. Dann kam das Internet. Und Facebook. Das erste Zentrum für Psychometrie entstand im Cavendish Laboratory der Cambridge University in England. Die entwickelte Methode hat womöglich sowohl den Brexit wie auch die Trump-Wahl entschieden. (siehe: dasmagazin.ch/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt)

Mobilmachung gegen die Informationskrieger hat begonnen

Noch haben die Politiker die Gefahr nicht erkannt. Denn wenn es stimmt, dass Trump dank der Effektivität persönlichkeitsbasierter Werbung ins Amt geschwemmt worden ist, und dass sich Facebook als die ultimative Waffe und der beste Wahlhelfer erwies (Tweet eines Trump-Mitarbeiters), dann liegt der Schluss nahe, dass es auch in Deutschland ähnliche Entwicklungen gibt. Beispielsweise könnte sich die AfD, die mehr Facebook-Freunde hat als CDU und SPD zusammen, für die Methode interessieren. Gewiss, in Deutschland darf man unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit nicht jede Lüge verbreiten, aber auch ohne diese übertrieben liberale Möglichkeit bleiben die Möglichkeiten der Psychometrie immer noch grenzenlos. Deshalb müssten Politiker eigentlich schnell und hart reagieren. Der Staat müsste laut PP „mit einem Heer von Aufklärern reagieren, die Fake-News enttarnen und es mit den Troll-Armeen der fossilen Propagandisten aufnehmen können“. Die zu Unrecht so genannten „sozialen“ Netzwerke müssen stärker an die Leine genommen werden; die Strafverfolger müssen schneller und unmittelbarer reagieren.

EU East StratCom Task Force

Aufklärung tut not, erste Internet-Aktivitäten zur Enttarnung von Fake-News arbeiten. In Brüssel hat bereits vor zwei Jahren die EU East StratCom Task Force (deutsch: Strategisches Kommunikationsteam Ost) des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EEAS) der EU ihre Arbeit aufgenommen. Ziel ist es, ein Gegengewicht zu der in den Medien der Länder der „Östlichen Partnerschaft“ der EU (Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Moldawien, Ukraine und Weißrussland) dominierenden Darstellung aus offizieller russischer Perspektive zu bilden. Die Schaffung der Task Force war vom Europäischen Rat Ende März 2015 initiiert worden, um Russlands laufenden Desinformationskampagnen entgegenzuwirken. Die East StratCom Task Force identifizierte in 20 Monaten bereits 3.200 Falschmeldungen – wie etwa dass die Deutschen Kanzlerin Merkel zur verlogensten Politikerin gewählt hätten, dass bereits 700.000 Bundesbürger  wegen der Flüchtlingspolitik ausgewandert seien – und: die AfD liege in Umfragen bei 70 Prozent (sehr gute Darstellung auf der Antfake-Seite der Tagesschau: faktenfinder.tagesschau.de/fakes-osteuropa). Falschinformationen gefährdeten das Wohl der Demokratie, sagte EU-Digital-Kommissarin Gabriel am Rande der ersten Sitzung (siehe: de.wikipedia.org/East_StratCom_Task_Force). In München ging BR-Verifikation an den Start. Und neue Tools helfen, Fake Bilder und Fake Videos zu enttarnen. Gegen Echokammern mit „Gefühlsansteckung und Identitätsangeboten“ müsste es einen „Aufstand der Zivilgesellschaft in den sozialen Medien [geben], bis hinein in die Kommentare unter Online-Artikeln, die zurzeit oftmals von den rechten Propagandisten gekapert werden“(PP) .

Energiewende und Divestment machen Schluss mit dem schmutzigen Informationskrieg von rechts

Und: Die Gates dieser Welt müssen nicht nur gegen Malaria und Aids investieren, sondern auch gegen die absurde Klimaleugnung, gegen Fake News von rechts und aus dem Kohlenkeller. Um den Öl- und Kohleriesen aber wirklich das Wasser abzugraben, muss die Energiewende weltweit konsequent und kompromisslos vorangetrieben werden. Sie dreht nämlich den Demokratiefeinden endgültig die wichtigsten Geldhähne zu: der fossilen Wirtschaft, den Rechtspopulisten und Klimaskeptikern. Der US-Kohleriese Peabody ist bereits bankrott gegangen (s.: solarify.eu/keine-kohle-mehr-peabody-pleite). In seinem Blog perspicacity.xyz hat der US-Wissenschaftler, Erfinder und Unternehmer Seth Miller vor kurzem der Mineralölindustrie das baldige Ableben prophezeit (s.: solarify.eu/-so-wird-big-oil-zu-ende-gehen). Die Divestmentbewegung wächst schnell. Probst/Pelletier optimistisch: Das alles „könnte schneller gehen, als es den alten Eliten lieb sein kann. Einen Nachruf auf das fossile Zeitalter und seine letzte Blüte, den fossil geschmierten Informationskrieg, sollten seriöse Medienhäuser schon mal in Auftrag geben.“

Maximilian Probst wurde 1977 in Hamburg geboren, wo er Philosophie, Geschichte und Germanistik studierte. Danach arbeitete er in Wien für den Passagen Verlag, übersetzte Werke von Paul Virilio, Alain Badiou und Slavoj Žižek. Seit 2011 schreibt er vorwiegend für die „Zeit“.

Daniel Pelletier arbeitete als Arzt in Deutschland und Ghana, studierte Global Politics in London und lebt heute als freier Mitarbeiter von UNICEF in Hamburg – er ist freier Autor von ZEIT ONLINE.

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