„Den großen Elefanten in kleine Stücke schneiden, damit er verdaubar wird“

ESYS-Jahresveranstaltung: „Energie.System.Wende. 2017 – Strom, Wärme, Verkehr – koppeln, was zusammengehört“

Damit die Energieversorgung klimaneutral werden kann, müssen Strom, Wärme und Verkehr stärker miteinander vernetzt werden. Nur wenn wir Strom aus Erneuerbaren auch zum Heizen, Kühlen und als Antrieb im Verkehr einsetzen und begrenzte Energieträger wie Biomasse zielgerichtet verwenden, können wir das Klimaziel erreichen, bis 2050 mindestens 80 Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen. Dabei können wir den Strom in Wärmepumpen und Elektroautos direkt nutzen oder ihn zunächst zum Beispiel in gut speicherbaren Wasserstoff oder Methan umwandeln.

Das Problem: Diese Lösungen sind bisher teurer als die Nutzung fossiler Brennstoffe. Außerdem fehlen geeignete Infrastrukturen wie Strom- oder Wasserstofftankstellen. Gibt es bereits heute Technologien, die effizient, nachhaltig und wirtschaftlich sind? Wie wirkt sich ihr Einsatz auf die Netzstabilität aus? Wie müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen geändert werden, und wer trägt die Kosten? Diesen und weiteren Fragen widmete sich die Jahresveranstaltung „Energie.System.Wende.“ des Akademienprojekts ESYS am 14.11.2017 in Berlin. ESYS-Mitglieder präsentieren die aktuelle Stellungnahme des Akademienprojekts zum Thema „Sektorkopplung“ und diskutieren darüber mit Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

In der Eröffnungsrunde sprach Energieexperte Volker Gustedt (Foto, li.), der den Abend moderierte, mit ESYS-Sprecher Dirk-Uwe Sauer und acatech-Präsident Dieter Spath (re.), Experte in Arbeitswirtschaft und Organisation. Der sagte, für mittelständische Unternehmen sei die Energiewende im Allgemeinen und die Sektorkopplung im Besonderen von großer Bedeutung. Den Super-Gau von Fukushima nannte er „einen Impuls, mit dem man damals schnell umgehen musste. Normalerweise würde man einen Strategieprozess vorschlagen, den sind wir jetzt dabei nachzuarbeiten“. In Spaths Stuttgarter Fraunhofer-Institut habe man jetzt die Elektromobilität verknüpft mit IT-Fragestellungen- das habe man ers tmals mit dem Projekt „Morgenstadt“ gemacht. Heute würden im Stuttgarter institut 25 Ladesäulen mit Erneuerbaren Energien (Wind und PV) gespeist, dazu sei ein institutseigenes Mikro-Grid (auf schwäbisch „Gridle“) als Umsetzungsbeispiel eingerichtet worden. Dieses Experiment werde manche Hinweise geben.

ESYS-Sprecher Dirk-Uwe Sauer legte Wert auf das Thema Interdisziplinarität – im Projekt ESYS arbeiteten mehr als 100 Wissenschaftler aus allen Fachgebieten zusammen. So seien beim Thema Zentralität – Dezentralität eine Elekrolyse-Expertin, ein Wirtschaftswissenschaftler und ein Sozialwissenschaftler aktiv. „Wir denken Interdisziplinarität von vorneherein mit. Weil wir von drei Wissenschaftsakademien getragen werden, wollen wir Optionen ausarbeiten. Wir sagen nicht, wir wisse, wie die Zukunft aussieht – wir liefern nur Optionen – die Entscheidungen müssen andere treffen. Unsere ureigenste Aufgabe ist, wissenschaftliche Ergebnisse so aufzubereiten, dass wir sie an die Entscheider heranbringen -dabei Hunderte von Seien in ein Drei-Zeilen-Statement packen – wir müssen uns dieser Herausforderung stellen.“ Die E-Mobilität sei aus den Kinderschuhen heraus – da habe sich extreme Dynamik entfaltet, teilweise sogar schon überhitzt. Natürlich seien, räumte Sauer ein, einige Jahre verloren gegangen. Er nannte ein Beispiel: Audi verkaufe derzeit Tausende von Autos in China; 2020 müssten 10, später 20% davon Elektro-Fahrzeuge sein. Insgesamt gehe es nicht um ein Verbot des Verbrennungsmotors, es geht um den Treibstoff.

Dieter Spath dankte Robert Schlögl, Direktor am FHI Berlin und CEC Mülheim, ausführlich für dessen Verdienste um ESYS: Schlögl habe das Akademienprojekt ins Leben gerufen; mit großem Einsatz habe er die Beteiligten zusammen gebracht und das Projekt die ersten fünf Jahre geleitet – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft für Solarify

Schütte: Neue Wissenschaftsplattformen

BMBF-Staatssekretär Georg Schütte berichtete in seinem Grußwort aus dem eigenen Leben: Er habe nach dem Super-GAU von Fukushima zu ins BMBF gerufenen Wissenschaftlern gesagt, sie müssten sich doch zu dem Atom-Unfall verhalten. Doch die reagierten abweisend – man lasse sich nicht von der Politik vorschreiben, was man zu erforschen habe. „Doch dann hat Robert Schlögl mein falsches Wording gerettet und die Idee dazu.“ Zu den Sondierungsgesprächen der vier Parteien sagte er, die Energiewende und das Pariser Klimaabkommen seien „hoch oben auf der Agenda und werden ihren Rang behalten“. COP23 müsse nun die Umsetzung von Paris entwickeln. Das 2050er Ziel der Energiewende sei auch ein klimapolitisches Ziel. Die besten Wege dahin müssten „wir diskutieren“.

Schütte nannte drei grundsätzliche Impusle:

  1. Die SDG und der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung machten das Projekt Energiewende noch komplexer – „was wollen wir bei ESYS für zusätzichel Themen aufgreifen – wir müssen den großen Elefanten in kleine Stücke schneiden, damit er verdaubar wird“. Schütte kündigte an, das BMBF werde mit zwei anderen Ressorts eine Wissenschaftsplattform gründen, um die um SDG weiter zu spezifizieren – das mach das Potsdamer IASS. Dazu eine zweite Wissenschaftsplattform zur Begleitung des Klimaschutzplans 2050 – kein übliches Wissenschaftsgermnium, sondern man werde von Beginn an einen Dialog initiieren, wie die Klimaschutzziele zu erreichen seien. „Aber wir müssen aufpassen, dass wir vor lauter Plattformen nicht das Ziel aus den Augen verlieren: am Ende geht es um die CO2-Reduktion, gesellschaftlich akzeptiert. Zumutungen sollen nicht zum Auseinanderfallen führen“. Wiederholt zitierte Schütte Ex-Umweltminister Klaus Töpfer: neben der Umweltverträglichkeit müsse man immer auch die Demokratie-Verträglichkeit von Maßnahmen und Entscheidungen im Auge haben. Die Debatte um die richtigen Wege sei in vollem Gange. Sektorkopplung, Minderung der Stromsteuer, Abschaffung der EEG-Umlage und der Industrieausnahmen seien nur ein paar Stichpunkte. „Wir brauchen dafür Rat, um über das Kurzfristige hinauszudenken, aber auch Mut für die langfristigen Entwicklungen“. Die Elektrifizierung aller Sektoren brauche 2050 etwa 1.000 TWh – dafür gebe es noch keine konkreten Umsetzungspfade, nicht einmal, wie man überhaupt eine solche Menge Strom produzieren könnte.
  2. Die öffentlichen und privaten Entwicklungen müssten in Einklang gebracht werden – mit einem „Forschungs- und Innovationsprogramm Klimaschutz“, allerdings nur gemeinsam mit der Wirtschaft und mit and Ressorts. Man habe gelernt, wie man das optimieren könne, z.B. die Zusammenarbeit mit den Kollegen aus dem BMWi zur Ausschreibung der Förderung, synthetische Kraftstoffe zu entwickeln. Schnelle Innovationserfolge und langer Atem zur Transformation einzelner Wirtschaftsbereiche müssten her. Da würden die Kopernikus-Programme helfen.
  3. Wir bräuchten ein nachhaltiges und akzeptables Energiesystem, dafür Verlässlichkeit bei den Partnern. Langfristige Entscheidungen der Energiewirtschaft könnten solche Verlässlichkeit schaffen. Die Ziele seien zwar eine Dekade entfernt, etwa Forschung und Innovation zusammen zu bringen, auch im Wärme und Verkehrssektor – auch hier wieder die Ressortkooperation, mansei auch mit dem BMVI im Gespräch. Zum Beispiel beim Thema Batterie: wie CO2-neutral sind Elektro-Fahrzeuge? Nach dieser Debatte können wir es nicht sagen, sie scheinen CO2-netraler zu sein als normale Verbrenner (über gesamten Lebenszyklus hinweg). Dazu müsse auch die Batterieforschung vorangetrieben werden, bis hin zu deren Entsorgung. Die Weiterentwicklung synthetischer Kraftstoffe als Übergangsenergieträger seien voranzutreiben. Schütte warnte davor, eines zu vergessen, und er zitierte wieder Töpfer: Die notwendige Technologieoffenheit darf nicht der Impuls dafür sein, Themen in die Zukunft hineinzuschieben, man müsse alle Möglichkeiten denken, dann in breitem Technologiemix voranbringen, und dann sehen, was sich herauskristallisiere. Schütte hat das „ESYS-Papier zur Energieresilienz mit großem Interesse gelesen, denn es stellt die unbequemen Fragen im Hinblick auf Zielkonflikt“.

Vorstellung der Stellungnahme „Sektorenkopplung“

Im Gespräch mit Hans-Martin Henning vom Freiburger ISE und acatech-Präsidiumsmitglied Eberhard Umbach (Bildmitte) präsentierte Gustedt dann die ESYS-Stellungnahme „Sektorenkopplung“: Zweieinhalb Jahre habe die Arbeitsgruppe an beiden Papieren gearbeitet, berichtete dieser, zusammen seien 200 Seiten geschrieben worden das gehe nicht von heute auf morgen, viele Workshops seien veranstaltet worden, auch der Schreibprozess sei spannend gewesen – man habe erst gemeinsame Sprache finden müssen, das ist auch Interdisziplinarität.

Henning präzisierte: „Wir sind mehrstufig vorgegangen, haben uns einzelne Sektoren angesehen, dann eine Metaanalyse verschiedener Untersuchungen vorgenommen. Als aadäquate Herangehensweise erwies sich eine Art Moderierungs-Vorgehen, die viele Optionen abbildet. Das Modell, das wir verwendet haben, wurde auf ein Ausgangsjahr kalibriert, dann wurden Projektionen vorgenommen, wie es sich entwickeln könnte.“ Zum Einsatz sei ein vor Jahren am ISE und in den letzten Jahren weiterentwickeltes spezielles Entwicklungstool zur Berechnung sektorübergreifender Entwicklungen gekommen. Mehr als 80 Einzeltechnologien habe man betrachtet und Projektionen in die Zukunft angestellt – „natürlich bleiben Unsicherheiten, trotz eines mathematischen Optimierers“.

Umbach: „Die Energiewende funktioniert nicht so wie gewünscht. So wird nicht funktionieren – wir müssen mehr vorausdenken, das Ziel im Auge behalten. Vor allem im Verkehr funktioniert es nicht – denn wir fahren z.B. immer größere Fahrzuge. Die Wärme zeigt zwar einen Trend nach unten, der ist aber kaum ausreichend – das einige, wo wir im Trend liegen ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien. Kurz: Wir müssen nachdenken.“

Effizienzgewinn sei zentral. Wenn ein Weiter so beim Verbrauch geschehe, müssten wir die Erneuerbaren Energien massiv ausbauen, und zwar vor allem PV und Wind – ob das gesellschaftlich funktioniere, sei eine andere Frrage – und zwar um den Faktor 5-7mal mehr als heute. Das habe Konsequenzen, denn wir hätten dann aus den flukturierenden Quellen manchmal bis zu 500 GW Energieleistung zur Verfügung, wir bräuchten aber nur 60-70; daher kämen die synthetischen Kraftstoffe wieder in den Blick. Wir bräuchtenviel mehr Speicher, um die Spitzen abzufangen und Täler aufzufüllen. Was aber im Winter? Bei kalter Dunkelflaute seien die Speicher schnell leer. Wir müssen uns in eine gesellschaftliche Diskussion begeben, “ und die ist nicht trivial“.

Henning erläuterte die vier Phasen der Energiewende: „In den vergangenen 20 Jahren haben wir Kostensenkungen erreicht, ohne die die Energiewende nicht möglich wäre. Aber wir haben so gut wie keine System- Integration außer bei den Netzbetreibern. Die brauchen wir aber jetzt – denn es werden die volatilen Erneuerbaren Energien sein, auch in Wärme und Verkehr. Da spielt die direkte Stromnutzung eine wichtige Rolle. Die 3. Phase: Im Luft-, Schiffs,- Schwerlastverkehr keine Elektronutzung möglich, daher synthetische Kraftstoffe durch Elektrolyse, Wasserstofffabriken müssen her, danach die 4. Phase“

Bevor man Speicher sage, solle man Flexibilisierung sagen – dann – aber auch hier Wärmespeicher, Batterie- und Pumpspeicher, aber auch hier Technologieoffenheit.

Umbach forderte, die regulatorischen Rahmenbedingungen müssten angepasst werden – z. B. durch einen einheitlichen CO-Preis – den dann auf alle Sektoren ausdehnen, dann geschehe vieles von selber, man müsse nicht mit Zwangsmaßnahme arbeiten, denn es reguliere sich vieles selbst. Dazu müsse man soziale Verträglichkeit und langfristige Investitionen beachten und absichern. Das braucht Zeit, zumal im internationalen Rahmen – also sei Eile gebowten.

Henning erklärte die Berechnungen der Kosten, Es seien Investitionen, Kapitalkosten, Wartung und Betriebskosten, Energieträgerkosten eingeflossen – und systemische Gesamtkosten bis 2050 – daraus habe man Mehrkosten von 1.000 bis 2.000 Mrd. 2050 errechnet – das seien 2% des BIP und durchaus vergleichbar mit der Wiedervereinigung, dem ersten großen gesamtgesellschaftlichen Projekt. Aber man müsse auch die Wertschöpfung gegenrechnen.

Schlussdiskussion

In der abschließenden Diskussionsrunde tauschten sich Karen Pittel, Leiterin des ifo Zentrums für Energie, Klima und erschöpfbare Ressourcen, Hans-Martin Henning, Jochen Kreusel, Market Innovation Manager der Division Power Grids bei ABB, und Julia Verlinden, Sprecherin für Energiepolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, aus.

Pittel kritisierte, die Energiebesteuerung sei momentan so kompliziert wie die Einkommensteuer, das müsse vereinfacht werden, daher sollte jeder Energieträger mit den Kosten belastet werden, die er verursache. Strom sei im Moment mit hohen Steuern und Abgaben belastet, es ändere nichts, wenn Strom immer grüner werde, es blieben die Abgaben gleich; fossile würden dagegen relativ gering belastet.

Kreusel nannte Hennings Zahlen realistisch, sie seien die „große Spitze eines großen Eisbergs“; wir müssten international vorgehen – und da sei Europa immer noch klein. Wenn man Nachfrag auslöse bei einer Technologie, werde die mit der Zeit billiger. Das hätten wir bei den Übertragungsleitungen gesehen; da sei lange diskutiert worden, ob die unter die Erde verlegt werden müssten, damals habe es teure Schätzungen gegeben, „da war aber viel Schaulaufen dabei“ – seitdem hätten wir dramatische Weiterentwicklungen gesehen. Man müsse ein vernünftiges Anreizsystem schaffen – eine CO2-Steuer sei „gar nicht dumm“. Und man müsse mit einer Fehlinformation aufräumen: „Die Kosten, die bei den Bürgern ankommen, sind Kosten der Anschubfinanzierung, nicht Kosten der Energiewende“.

Julia Verlinden nannte die angeblichen Stichtage der Grünen ein Missverständnis: „Das Klimaschutzziel 40% Minus 2020 stammt ja von Schwarz-Gelb 2009, ist keine grüne Spinnerei“. Die 2030-Ziele: „Da haben die Grünen die Debatte geöffnet, wir klammern uns nicht an Jahreszahlen – es geht um die CO2-Minderung“. Zum Verbrennermotor und den synthetischen Kraftstoffe: Auch das ein Missverständnis: Die Grünen wollen ab 2030 lediglich CO2-frei sein, das bedeute: nicht alles elektrisch. „Wenn wir 2050 ernst nehmen (keine Emissionen mehr) – dann müssen wir 2030 einsteigen. Dann ist es nicht hilfreich, wenn wir ‚Schwachsinn‘ hören“.

Henning will weniger Verbote als Anreize, er will auch keine Technologien vorschreiben. Fördern ja: Wärmepumpen etwa, ungleiche steuerliche Behandlung abschaffen. Gr0ßbritannien hat 90 Euro pro Tonne CO2. Wir brauchen ein Preisschild für CO2. Er wünschte eine andere Haltung zu dem großen gesellschaftlichen Projekt Energiewende: „Ja, wir haben diese Entscheidung getroffen und jetzt stehen wir zu diesem Ziel“. Dazu nicht nur Kostenanalysen anstellen, sondern Gesamtbetrachtungen,wie Wertschöpfungen und Arbeitsplatzgewinne – das sei ein Motor für Wirtschaftswachstum.

Gustedt wünschte sich abschließend, dass insgesamt weniger emotional diskutiert werde – außerdem solle die neue Regierung den regulatorischen Flickenteppich bereinigen – und endlich vernünftige Randbedingungen schaffen.

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