Jürgen Neffe – „Mehr als wir sind“

Buchempfehlung: Ein Zeit-Roman vom Bestseller-Biografen

Neffe Mehr als wir sind - Buchtitel – Der hochgelobte Einstein- und Darwin-Biograf hat seinen ersten Roman veröffentlicht. Er stellt seinem neuen Buch ein Zitat von Sigmund Freud aus einem Brief an Stefan Zweig von 1936 voran: „Wer Biograph wird, verpflichtet sich zur Lüge, zur Verheimlichung, Heuchelei, Schönfärberei und selbst zur Verhehlung seines Unverständnisses, denn die biographische Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu brauchen.“

Und das Buch beginnt mit den geheimnisvollen Sätzen: „Wäre ich Coppki, würde ich mir nicht erlauben, seine Geschichte zu erzählen. Damit ist eigentlich alles gesagt. Zumindest habe ich das lange geglaubt. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. Worüber man nicht schweigen kann, davon muss man reden. Wir sind nur so krank wie unsere Geheimnisse. Am Ende zählt allein die Frage, ob wir leben mussten oder durften. Das Übrige sind Details.“ Allein das reizt zum Weiterlesen.

In einer Zeit, in der es kaum noch handschriftliche Zeugnisse gibt, stößt ein Biograf auf die Lebensgeschichte von Janush Coppki. Der weltfremde Chemielaborant ist Anfang des 21. Jahrhunderts auf der Suche nach der „Weltformel des Lebens“. Dabei entdeckt er ein Elixier, durch das Menschen nicht mehr schlafen müssen. Das Mittel steigert Kreativität, Ausdauer, Zuversicht und Libido. Doch wer es einmal nimmt, ist schnell davon abhängig. Zwischen dürfen und müssen liegt nur ein kleiner Schritt. Coppki gelingt es, mit seinem Wundermittel die Liebe der Fotografin Vera zu gewinnen. Über Veras Tochter Jenny und ihren Kreis der „Freunde der Nacht“, die von einer besseren Welt träumen, sowie mit Hilfe ihres Vaters, des Journalisten Leon Hard, verbreitet sich die Wachdroge bald über die ganze Welt, die zusehends aus den Fugen gerät. Doch nur die, welche daran glauben, erfahren die Wirkung der Wunderdroge, deren chemische Zusammensetzung, bzw. Wirksamkeit sich sowieso nicht beweisen lässt. Während aber die meisten den Segnungen des Wundermittels verfallen, bilden sich Widerstandsgruppen, die ihr Recht auf Schlaf durchsetzen wollen.

Der Biograf versucht Coppkis Lebensgeschichte zu rekonstruieren. Da aber von dem unbekannten Entdecker fast nichts erhalten ist, muss er dessen Leben mit Hilfe einer Gruppe von Lebenslaufdeutern imaginieren. Diese mischt sich immer wieder in die Handlung ein und jongliert lustvoll mit allen Möglichkeiten. Der Ich-Erzähler selbst verschmilzt immer wieder und immer mehr mit seinem Helden. „Jürgen Neffe gelingt mit seinem Debütroman elegant und augenzwinkernd der Übergang von der Biografik zur fiktionalen Literatur. Mehr als wir sind ist ein vielschichtiges, tiefgründiges Panorama unserer Zeit und ein fulminantes Gedankenspiel über eine Wissenschaft, die wie ferngesteuert ihren Plan erfüllt, ob nun zum Wohl oder zum Verderben der Menschheit.“ (aus dem Klappentext)

Leseprobe

Jürgen Neffe auf der Leipziger Buchmesse - Foto © Amrei-Marie - CC-BY-SA-3.0-de Wikimedia CommonsInterview mit Jürgen Neffe

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Roman über eine Welt ohne Schlaf zu schreiben?

Wenn ich die heutige Welt betrachte mit ihrer unaufhaltsamen Beschleunigung und Effektivitätssteigerung auf der einen Seite, Überforderung und Erschöpfung auf der anderen, mit Menschen, die an ihre Grenzen gehen bis zur Selbstaufgabe, dann bekommt mein Gedankenexperiment als Allegorie erschreckend realistische Züge: Angenommen, wir könnten durch ein erschwingliches Mittel ohne gefährliche Nebenwirkungen ständig so munter, frisch und zupackend sein wie nach einer restlos ausgeschlafenen Nacht. Wie lange würden wohl Menschen, die an der nächtlichen Ruhe hängen, dieser Form von Hirndoping widerstehen und ihren Schlaf verteidigen gegen die Aussicht auf acht zusätzliche Stunden wacher Aktivität? Nehmen wir zum Beispiel Computer, Internet, Handy oder Smartphone. Irgendwann schlägt Skepsis und Ablehnung um in Begeisterung, aber auch in Zwang, bis sich niemand mehr dem Neuen entziehen kann. Der Wandel vom Dürfen zum Müssen am Umschlagpunkt von Utopie in Dystopie hat mich schon immer fasziniert. Und wer spürt nicht, dass wir uns in einer unvergleichlichen Zeitenwende befinden?

Sie haben bisher Sachbücher geschrieben, darunter zwei hoch gelobte Biografien, die beide Bestseller wurden. Was hat Sie daran gereizt, einen Roman zu verfassen?

Mit dem Romanschreiben erfülle ich mir einen alten Wunsch. Schon als Student der Naturwissenschaften – und im Nebenfach der Philosophie – habe ich mich intensiv mit Literatur beschäftigt, sogar einmal ein Urlaubssemester genommen, um nichts anderes zu tun, als Kafkas Werk zu lesen. Doch erst nach zwei Jahrzehnten als Journalist, Reporter und Kolumnist fühlte ich mich reif genug, Bücher zu schreiben, wie ich sie selber gerne lese. Meine literarischen Biografien, in denen ich die bedeutendsten wissenschaftlichen Theorien und ihre Schöpfer behandele, betrachte ich als unverzichtbare Meilensteine auf meinem Weg zum Schriftsteller. Einstein steht dabei für die unbelebte Materie und das Wesen des Universums, Darwin für Leben, Evolution und nicht zuletzt auch für die Zukunft unserer Spezies.

Es ist sicher kein Zufall, dass einer Ihrer Helden, ein Biograf ist.

Nein. Das Geschäft der „gewerblichen Lebenslaufdeuter“, wie ich sie einmal nenne, hat viele Parallelen zur Arbeit der Romanschreiber. Mein Ich-Erzähler hat seinen Helden so weit verinnerlicht, dass er sich ihn durch das Schreiben regelrecht austreiben muss, eine Art Exorzismus am eigenen Leib. Die Biografik erlebt überdies gerade einen drastischen Wandel. Herrschte bis vor kurzem eher ein Mangel an Lebensdaten, drohen wir nun förmlich im Material zu ertrinken. Mit Hilfe sozialer Netzwerke basteln alle vor den Augen aller anderen an ihrer Biografie. Der Sinn des Lebens ergibt sich aus der Stimmigkeit seines fabrizierten Verlaufs.

Im Roman gibt es eine Biografen-Gruppe, die wechselseitig die Figuren der anderen Gruppenmitglieder spielen bzw. mit diesen verschmelzen. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Das lässt sich auf mehrfache Weise verstehen. Zum einen können wir uns fragen, woher Biografen und Verfasser historischer Romane den Stoff für lebensnahe Szenen und Dialoge nehmen, als seien sie selber dabei gewesen. Wenn wir ehrlich sind, entspringt das fast alles der Fantasie, gehört also in den Bereich des Fiktionalen. Die Biografen der Gruppe legen, in meiner Überspitzung, die Illusion offen und empfinden die Handlung in Form klassischer Figurenaufstellungen nach dem Vorbild psychodramatischer Verfahren nach. Andrerseits jongliere ich hier mit dem Motiv virtueller Doppelgänger in simulierten Welten, die über die künstlichen Wirklichkeiten elektronischer Spiele mehr und mehr zur alltäglichen Erfahrung werden.

Die Figur Janush Coppki, ein hochbegabter Autodidakt, Chemiker und Prophet – gibt es für ihn ein reales Vorbild?

Nicht eines, sondern viele, die mir im Laufe meines Lebens und Lesens begegnet sind. Amateurwissenschaftlern als Dilettanten im besten Wortsinn verdankt die Wissenschaft bedeutende Fortschritte. Ich darf an Goethe erinnern, der die Metamorphose der Pflanzen entdeckte, den Musiker William Herschel, der zum größten Astronomen seiner Zeit aufstieg oder auch CharIes Darwin, der ohne formale Ausbildung zum Begründer der modernen Biologie wurde. Coppki trägt Züge des inselbegabten Nerds, der seine Theorien als Werkzeuge begreift, in die Zukunft zu blicken.

Wie viel Jürgen Neffe steckt in dem Biografen und in den anderen Figuren des Romans?

Ist nicht jedes literarische Schreiben bis zu einem gewissen Grade autobiografisch?

Gibt es literarische Vorbilder, die in Ihren Roman eingeflossen sind?

Mehr als ich nennen könnte. Hervorheben will ich Die andere Seite von Alfred Kubin, ein Buch, das ebenfalls als Widerhall tiefer Eindrücke in einer Zeitenwende verstanden werden kann. Dann Oscar Wildes Dorian Gray und der Orlando von Virginia Woolf, ganz wichtig Musils Mann ohne Eigenschaften und nach dem Blechtrommler von Grass die Meister des magischen Realismus, allen voran Marquez Hundert Jahre Einsamkeit, Saramagos literarische Gedankenexperimente wie etwa Die Stadt der Blinden und zuletzt 2666 von Roberto Bolaño und vieles aus der Feder von David Foster Wallace, beide leider viel zu früh gestorben.

Die Gruppe „Freunde der Nacht“ in Ihrem Roman verfolgt gesellschaftspolitische Utopien. Die „Wir“-Gesellschaft, in der z.B. das Erben abgeschafft wird. Rekurrieren Sie in diesen Konzepten auf reale Strömungen unserer Zeit?

Wer dabei an den „Kommenden Aufstand“ denkt oder, nach dem Essay von Stephane Hessel, an die „Empörten“ in Paris und Madrid, an Occupy, Zuccotti- und Gezi-Park oder den Arabischen Frühling, blickt in die richtigen Richtungen, aber nicht weit genug zum utopischen Horizont. Die „Freunde der Nacht“ stellen, nach Erweckung durch Coppkis Erfindung, die einzig wahre Systemfrage. Erst durch die „Enteignung der Toten“, also das Ende vererbbarer Vermögen und Privilegien, kann der Menschheit ein echter Neustart zur Weltgemeinschaft gelingen. In der Bewegung drückt sich meine tiefe Zuversicht aus, dass die vernetzte und vereinte Jugend der Welt das Zeug dazu hat, die Zukunft in ihre Hände zu nehmen.

Welche Bedeutung kommt dem Symbol des Ausrufezeichens zu, das sich die „Freunde der Nacht“ als Signet erwählt haben?

Aus mittelalterlicher Sicht stammt es von io ab und bedeutet so viel wie -Freude“, Kopisten setzten es ans Ende von abgeschriebenen Sätzen. Mein Ich-Erzähler startet seine Karriere, bevor er auf Coppki stößt und zu dessen Biograf wird, als Lesekundiger und Überträger unleserlicher Handschriften in lesbare Druckschriften. Das Ausrufezeichen der „Freunde der Nacht“ steht für das Bejahende, der Zukunft Zugewandte, aber auch für „Achtung – wir kommen!“

Coppki ist 1979 geboren: Welche Bedeutung hat diese Zeit für die politischen Ideale und Ideen in Ihrem Roman?

Zumindest in westlichen und westlich orientierten Ländern markiert das Jahr 1978 den Höhepunkt der Freiheit des Denkens und der Lebensentwürfe infolge der 68-er Bewegungen, vor allem in den USA, Europa und Japan. Die allermeisten Ideen für eine bessere Welt, von der Umwelt- bis zur Frauenbewegung, von religiöser bis weltanschaulicher Selbstbestimmung, gehen auf das Jahrzehnt der Goldenen Siebziger zurück. In dem Jahr gründet sich am Strand einer einsamen Insel die kleine Kommune freier Nackter, aus der Coppki als einziger Sprössling hervorgeht. Seit 1979 dreht sich das Rad der Geschichte zurück. Kennzeichnend die Wahl Thatchers und kurz später Reagans als Paten des marktliberalen Turbokapitalismus, der die Welt bis heute gefangen hält. 1979 begann mit der Rückkehr Khomeinis in den Iran auch der Aufstieg korantreuer Islamisten in muslimischen Ländern und eines neuen religiösen Fundamentalismus weltweit.

Wann und wo schreiben Sie?

Am liebsten und am besten in einer alten Windmühle südlich von Berlin. Dort sind meine beiden Biografien und ein großer Teil des Romans entstanden. Ich ziehe mich für längere Zeiträume dorthin zurück, in denen ich dann von morgens bis nachts am Schreibtisch sitze, meistens mindestens eine Woche am Stück.

Gibt es schon eine Idee für einen weiteren Roman?

Mehr als wir sind ist, wenn man so will, bereits mein zweiter Roman. Der erste liegt zu einem Drittel fertig geschrieben vor und wartet auf seine Vollendung. Ob er der nächste wird, kann ich noch nicht sagen. In diesen bewegten Zeiten drängen sich ständig neue Ideen ins Fenster des Bewusstseins.

Jürgen Neffe Jahrgang 1956, Studium zunächst der Physik, dann der Biologie und Philosophie, biochemische Promotion. Zwanzig Jahre Journalist, als Redakteur und Autor bei GEO, als Reporter, Kolumnist und Korrespondent (in New York) des SPIEGEL. Danach Aufbau und Leitung des Hauptstadtbüros der Max-Planck-Gesellschaft und Mitarbeit im Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Mehrfach preisgekrönt, ausgezeichnet unter anderem mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis.
Seine vielgerühmten Biografien wurden Bestseller: „Einstein“ gehörte 2005 zu den Top Ten des Jahres und wurde von der Washington Post zum „Book of the Year“ gewählt. „Darwin – Das Abenteuer des Lebens“ überzeugte durch die besondere Form des biografischen Weltreiseberichts. Aus diesem Werk entwickelte Neffe zudem das multimediale, mehrsprachige E-Book- Format „Libroid“ (libroid.com). „Mehr als wir sind“ ist sein erster Roman – aber es ist mehr, Neffe treibt die Gattung „Biografie“ über das bisher Übliche hinaus in die Zeitkritik: Er reflektiert – im Wortsinn – die Gegenwart auf ihrem Weg in den Umbruch. Lebt als freier Publizist bei Berlin.

Quellen (Auswahl):